Brief der Mutter des Verfassers
Catalina de Castro
an den hochverehrten und hochwürdigen
Herrn Don Juan
Méndez de Salvatierra,
Erzbischof von Granada
und Mitglied des Rates Seiner Majestät
Magister Francisco de Castro, der in Eurem
Auftrag Rektor im Krankenhaus von Johannes von Gott in dieser Stadt war,
verfasste die Geschichte des Lebens und des Werkes des gesegneten Menschen, der
Johannes von Gott war, um so einem Gebot der Pflicht und der Liebe gegenüber
dem Haus und dem Hospital, in dem er starb, zu entsprechen.
Er schrieb die
Geschichte eines so heiligen Lebens und so wunderbarer Werke jedoch auch, damit
sie ein Vorbild und eine lebendige Darstellung dafür seien, wie die Brüder, die
ihm gefolgt sind, ihr Leben gestalten sollen, wie sie sich verhalten und
betragen müssen, um ihn, als seine Nachfolger in Gewand und Beruf,
in so heiligen und frommen Werken nachzuahmen.
Solange mein Sohn
am Leben war, hochverehrter Herr, war es sein Wunsch, dieses Werk Euch zu
widmen, wie aus seinem Widmungsschreiben hervorgeht.
Nach seinem Tod
wollte ich es aus demselben Grund als seine Mutter, der Seine Majestät
die Erlaubnis gegeben hat, dieses Buch herauszugeben und zu drucken, ein
zweites Mal Ihnen widmen.
Wem könnte ich auch
die Geschichte des Lebens eines Armen widmen, wenn nicht einem, der selbst in
wahrer Armut lebt, um den Armen zu helfen, wie man an den Ausgaben und an der
Einrichtung seines Hauses sehen kann, das so arm ist wie das des Ärmsten in
dieser Stadt?
Wem könnte ich das Werk eines Armen besser
zueignen als einem, der keinen anderen Namen hat und den das Volk mit keinem
anderen Namen nennt als dem eines Vaters und Helfers der Armen, wie die vielen
regelmäßigen Almosen beweisen, die er immer in dieser Stadt gegeben hat und
weiter gibt und darüber hinaus in seinem ganzen Erzbistum mit großer
Zurückhaltung und bewundernswerter Klugheit gemäß den verschiedenen
Erfordernissen und Nöten den Armen spendet? Die Reichen und Großen preisen
Euch, hochverehrter Herr, weil Ihr sie befreit von der Sorge, den Armen und
Kleinen Hilfe und Unterstützung zu gewähren, und diese ehren Euch, weil Ihr sie
mit überaus freigiebiger Hand unterstützt.
Das hat sich
deutlich gezeigt, hochverehrter Herr, bei der Krankheit, unter der Sie in den
letzten Tagen gelitten haben; einerseits durch den Schmerz, den alle zeigten,
da sie Euch in so großer Lebensgefahr sahen, aus der Gott Sie dank den
beständigen Gebeten, Fastenzeiten und Bußen des ganzen Volkes befreit hat;
andererseits durch die so ergreifenden Worte, die Ihr während der Krankheit
spracht und die die Qual und den Schmerz in allen vermehrten, da sie Euch und
das ganze Volk in solcher Sorge sehen mussten, - Worte, die ein deutlicher
Beweis der großen Liebe und Zuneigung sind, welche Ihr für die Armen hegt. In
der Tat sagten Sie, dass Sie nicht so sehr darunter litten, zu sterben und das
Leben zu verlieren in der Stunde, in der Gott Sie rufe, als vielmehr unter dem
Gedanken, dass die Armen allein und hilflos inmitten einer so großen Not
bleiben würden und dass die Reichen aus dem Besitz der Kirche das wegnehmen
würden, was den Armen gehört und ihnen zueigen ist.
Ich bitte Euch,
hochverehrter Herr, dieses Werk annehmen zu wollen, das mein Sohn, der Rektor
der Armen des Hospitals (von Johannes) von Gott, verfasste aus Dankbarkeit für
das große Wohlwollen, das Ihr ihm im Leben erwiesen habt, und ihm mit Eurer
Autorität Ansehen und eine herzliche Aufnahme zu verschaffen, damit es
geschätzt werden und sich verbreiten kann zum Vorbild für alle und zum Trost
der Armen dadurch, dass alle sehen, dass ein so bedeutender Diener der Armen,
wie Johannes von Gott einer war, unter dem Schutz Eurer vortrefflichen Person
steht, deren Hauptaufgabe ja darin besteht, die Armen aufzunehmen und zu
beschützen. Auf diese Weise werdet Ihr auch mir einen großen Dienst erweisen,
die auch ich eine Arme bin, der Ihr viel Gutes getan und Linderung in
zahlreichen Nöten gewährt habt.
Hierfür werdet Ihr
Lohn und Vergeltung von unserem Herrn empfangen. Möge ER Euch schützen und Euer
Leben um so viele Jahre verlängern, wie alle Armen und insbesondere ich, Eure
niedrige Dienerin, es wünschen! Hochverehrter und hochwürdiger Herr, ich küsse
Eure Füße und Hände.
Catalina
de Castro
VORWORT AN DEN
CHRISTLICHEN LESER
Gewiss groß,
christlicher Leser, ist die Sorge, die seit Erschaffung der Welt unser guter
Gott und Herr immer für diese Welt gezeigt hat.
So groß, dass er,
genauso wie er mit großem Reichtum in allen Dingen vorgesorgt hat für den
Schmuck, die Erhaltung und die Schönheit der geschaffenen Natur, genauso auch,
ja mit noch größerem Reichtum, für den geistlichen Bereich (da dieser ja von
noch größerer Bedeutung ist) gesorgt hat. Dies hat er getan durch Lehren und
heilige Gebote ebenso wie durch Menschen jeden Standes, die durch ein
heroisches Leben und hervorragende Werke zu Lehrern und Vorbilder für die
anderen Gläubigen wurden, an denen sie sich inspirieren sollten, um nicht zu
irren, indem sie sie nachahmten und das eigene Leben in Befolgung ihrer
lebendigen Beispiele führten. Auf diese Weise sollten sie leichter und
unmittelbarer den Bau des geistlichen Hauses fortsetzen und so alle in
Beobachtung der Gebote des Herrn das Ziel erreichen, für das sie erschaffen
worden sind.
Nachdem unser Herr
mit so großer Freigiebigkeit alle Bevölkerungsschichten mit Patriarchen und
Führern versorgt hatte, die er in seiner Kirche erweckte, damit sie den Seelen
geistige Hilfe leisteten bei der Ausrottung der Laster und der Pflege der
Tugenden mittels der Predigt und der Sakramente, schien ein Orden zu fehlen:
Dieser sollte sich in besonderer Weise der Armen annehmen und die Ausübung der
Hospitalität zum Ziel haben, das heißt die Fürsorge und Pflege der Bedürftigen,
die von unserem Herrn so sehr empfohlen wurden. Da ein solcher Orden fehlte,
wurden die Armen weder mit der gebührenden Liebe und Aufmerksamkeit gepflegt,
noch wurde ihnen mit der gebotenen Anteilnahme der ermunternde Zuspruch frommer
Mahnungen und heiliger Beispiele gebracht, um sie zugleich an Seele und Leib zu
heilen, wie es unser Heiland getan hat.
Es hat dem Herrn
gefallen, diesen neuen Orden in unserer Zeit entstehen zu lassen mit Hilfe
eines niedrigen und in den Augen der Menschen verachteten Menschen, der aber
sehr groß und geachtet war in den Augen Gottes, so dass er für würdig befunden
wurde, seinen Namen zu tragen: Johannes von Gott.
Indem er vollkommen
der Welt mit all ihren Schmeichelein und ihrem Prunk entsagte, wie wir aus
seiner Lebensbeschreibung ersehen
werden, trat er ihr gegenüber wie ein neuer David.
Die Heilige Schrift
berichtet in Kapitel 17 des 1. Buches der Könige,
dass David, als leidenschaftlicher Kämpfer für die Ehre Gottes, großen Schmerz
über die stolzen Worte empfand, die der hochmütige Goliat gegen die Heerscharen
Gottes schleuderte.
Nachdem er die
Waffen des Königs Saul erprobt und erkannt hatte, dass er nicht fähig war, mit
ihnen zu kämpfen, legte er sie ab und ging lediglich mit seinem Hirtengewand,
einem Stock und fünf Steinen in der Tasche hin, um gegen seinen Feind, Mann
gegen Mann, zu kämpfen. Mit diesen Waffen und mit der Hilfe des Herrn, auf den
er sein Vertrauen setzte, warf er den Gegner mit Leichtigkeit zu Boden,
besiegte ihn und rettete so das Volk Gottes von Schmach und Not.
Ebenso legte dieser neue Mensch, den unser
Herr durch eine außerordentliche Bekehrung zu einem leidenschaftlichen Kämpfer
für seine Ehre gemacht hatte, die Waffen Sauls ab, das heißt alles, was er in
der Welt besaß, Güter, Ehren und jedwedes sonstige menschliche Streben; denn er
empfand großen Schmerz angesichts der Verlassenheit der Armen und Bedürftigen
und ihrer unzulänglichen Betreuung, da die Nächstenliebe erkaltet war. Er
betrat das Kampffeld dieser Welt, bewaffnet mit dem Stock, den er gewöhnlich
trug und den auch seine Nachfolger tragen, oder deutlicher gesagt, mit dem
Kreuz, das er sich mit härtester Bereitschaft zur Buße auf die Schultern lud,
indem er seinen Leib abtötete und ihn dem Geist untertänig machte, mit der
Tasche samt den fünf Steinen und mit der Schleuder; hiermit sind gemeint der
Korb und die milden Gaben, die er mit lauter Stimme und ergreifenden Worten
hauptsächlich zum Segen derer selbst, die sie gaben, und für den Unterhalt und
die Pflege der Armen erbat, wobei er eine neue Form des Bittens anwandte, wie
man sie vorher nie vernommen hatte: „Tuet Gutes für euch selbst!“ Mit solchen
Waffen und mit der Hilfe des Herrn focht er so mutig gegen den großen Gegner
der Allgemeinheit, dass er, - abgesehen davon, dass er zum Werkzeug zahlreicher
und überaus bedeutender Werke der Nächstenliebe wurde, die durch ihn im größten
Teil Spaniens geschahen und noch geschehen -, ihm viele verirrten Seelen aus
den Krallen riss. Diese bekehrten sich, ergriffen von seinem guten Beispiel,
von der Strenge seines Lebens und von den heiligen Ermahnungen, mit denen er
sie wirkungsvoll überzeugte, ihr schlechtes Leben aufzugeben und dem
gekreuzigten Christus zu folgen.
Und er hinterließ
auch eine Ordensgründung, die aus Gefährten besteht, welche mit den gleichen
Waffen und der gleichen Hingabe für seine Sache kämpfen, so wie es gegenwärtig
geschieht und mit der Hilfe unseres Herrn immer geschehen wird. Dieser Orden
mit seinen heiligen Werken ist in der Tat schon weit verbreitet und verbreitet
sich täglich mehr.
Das, christlicher
Leser, ist das lebendige Beispiel, das dir unser Herr vor Augen stellt, damit
du allmählich begreifen lernst, wie du dich an erster Stelle zu dir selbst
verhalten musst, um den anderen von Nutzen zu sein, und wie du die Werke der
Nächstenliebe und Barmherzigkeit üben musst. Das kannst du tun, indem du nicht
nur das, was du in Überfluss hast, hergibst und an die bedürftigen Brüder
verteilst, sondern auch indem du dich selbst, soweit du kannst, opferst und sie
mit wirklich väterlicher Liebe behandelst, um ihnen mit deinem Beispiel, mit
Ermunterungen und auf vielerlei Art und Weise zu helfen aus Liebe zu jenem
Herrn, der sich wahrhaft für dich geopfert hat und dir aufs edelmütigste all
das gegeben hat, was er dir geben konnte.
Du wirst auch
erfahren, wie gut unser Herr schon in diesem Leben die Werke vergilt, die für
ihn mit liebevollem Herzen vollbracht werden, und wie er jene erhöht, die sich
erniedrigen, sich demütigen und den anderen dienen, indem er ihnen wahrhaft
jene Ehre und jenen Ruhm verleiht, der niemals vergeht, wie du deutlich sehen
wirst.
Möge es der
göttlichen Majestät gefallen, uns ihr ewiges Licht zu gewähren, damit wir,
indem wir ehrlich die irdischen und vergänglichen Dinge verachten, in der Lage
sind, die Beispiele nachzuahmen, die er uns zu diesem Zweck gegeben hat, und es
verdienen, ihn ewig zu schauen und den Lohn zu genießen, den er für solche
Menschen bereit hält. Amen.
Ende
des Vorworts
An den
hochverehrten und hochwürdigen
Herrn Don Juan Méndez de Salvatierra,
Erzbischof von
Granada,
Mitglied des Rates
Seiner Majestät,
der Magister Francisco de Castro,
Gnade und Glück im
Herrn.
Da wir beschlossen
haben, hochverehrter und hochwürdiger Herr, das Leben und die wunderbaren
Beispiele von Johannes von Gott der Öffentlichkeit bekannt zu machen zur
allgemeinen Erbauung der Gläubigen und seiner Gefährten, die ihm in seiner
Aufgabe folgten und denen er ein leuchtendes Vorbild und Beispiel war, scheint
es mir aus vielen Gründen wichtig, dieses Werk Euch zu widmen; denn Euch gehört
es mit vollem Recht, sind Sie doch der Vater, Beschützer und das Haupt dieses
seines Hauses und Ordens.
Aus diesem Grunde
sorgen Sie mit besonderer väterlicher Zuneigung für dieses Haus, beschützen es
und versorgen es mit freigiebiger Hand mit allem, was zum Unterhalt der Armen,
die in ihm betreut werden, vonnöten ist, und begeben sich auch persönlich
dorthin, um die Armen zu besuchen und Ihr Wohlwollen denen zu vermitteln, die
darin Dienst tun, damit sie sich mit immer größerem Eifer dem Dienst unseres
Herrn widmen.
Auf diese Weise
erfüllen Sie gewissenhaft Ihre Hirtenaufgabe, die sich in besonderer Weise an
den schwächsten, gebrechlichsten und der Hilfe und des Trostes am meisten
bedürftigen Schäflein zeigen muss.
Es ist
selbstverständlich, dass Sie sich mit derselben Sorge für das Seelenheil
einsetzen, ja dass Sie das mit noch größerem Eifer und noch größerer
Bereitschaft tun, da es ja das Wichtigste ist. Es handelt sich darum, die
Seelen zu retten und sie auf jene Weiden zu führen, durch die sie auf die
Weiden der Ewigkeit gelangen können.
Da zu diesem Zweck
die Lektüre heiliger Bücher und lebendiger Beispiele, welche die Gläubigen zur
Nachahmung begeistern, viel beitragen kann, bin ich überzeugt, dass Ihr sehr
gern Eure Hilfe und Empfehlung diesem Buche als einem solchen Werk zuteil
werden lässt und meinen kleinen Dienst zusammen mit der Arbeit, welche ich aus
Liebe zum Herrn, dem wahren Vorbild für alle, geleistet habe, um es
herauszubringen, gerne annehmen werdet.
Der Herr schütze
Euch und segne Euch mit jenen göttlichen Gaben, die wir alle, Ihre
Untergebenen, Euch wünschen, damit Ihr ihm stets angenehm seid und in der
Ewigkeit zu ihm gelangt! Amen.
AN DEN CHRISTLICHEN
LESER
Die größte
Schwierigkeit, die sich dem entgegenstellt, der eine Geschichte wiedergeben
will, so wie sie sich in der Wirklichkeit zugetragen hat, besteht darin, die
Wahrheit festzustellen und wieder ans Licht zu bringen, welche im Lauf der Zeit
überdeckt worden und in Vergessenheit geraten ist. So ist es auch mir bei
dieser Arbeit ergangen. Denn obwohl es noch nicht so lange her ist, seit
Johannes von Gott gestorben ist, und noch viele von denen leben, die ihn
kannten, haben wir von vielen Dingen keine Kenntnis, die zu dieser Geschichte
gehören; denn es gab niemanden, der die wesentlichen Begebenheiten seines
Lebens aufzeichnete. Dazu war er selbst ein schweigsamer Mensch, der nur selten
von Dingen sprach, die nicht die Nächstenliebe und Sorge um die Armen betrafen.
Wir wissen also wenig auch von bedeutsamen Dingen, die nach der Berufung durch
Gott geschahen und von denen jene, die ihn kannten, uns nur Vermutungen geben,
aber keinen sicheren Bericht, den wir niederschreiben könnten. Außerdem sagen
sie angesichts dessen, was man über ihn ans Tageslicht fördern konnte, dass
viele andere Dinge und zwar sehr bedeutende in seinem Leben geschahen, an die
sie sich nicht mehr erinnern können. So schnell vergisst der Mensch!
Das jedoch, was
hier berichtet werden wird, ist das, was nach sorgsamer Vergewisserung mit
großer Sicherheit festgestellt werden konnte.
Die Quellen, aus
denen wir hauptsächlich geschöpft haben, sind ein Notizbuch, das uns ein
Gefährte, der ihn auf allen seinen Reisen begleitete, hinterlassen hat. Es ist
dies ein Mensch, der ihm geistig sehr ähnlich war. Er schrieb in einem
einfachen Stil alles nieder, an was er sich als Augenzeuge erinnerte. Außerdem
dienen uns als Quelle die Berichte anderer vertrauenswürdiger Personen, welche
mit ihm verkehrten und ihn kannten. Wir haben alles ausgelassen, was nicht
zuverlässig bezeugt ist, denn wir sind zuversichtlich, dass der kluge Leser den
Rest aus dem ableiten kann, was niedergeschrieben ist. Es ist in der Tat
besser, dass vieles ungesagt bleibt, als dass Sachen berichtet werden, die
nicht genügend gesichert sind.
Leb
wohl!
I.
Kapitel
GEBURT
UND HEIMAT VON JOHANNES VON GOTT
Im Jahre des Herrn
1538,
als in Spanien Kaiser Karl V. herrschte, war Don Gaspar de Avalo,
ein hochgeschätzter, kluger und guter Kirchenfürst, Erzbischof der Stadt
Granada. Dieser hatte in seiner Zeit die Freude, in seinem Bistum Menschen zu
erleben, welche sich durch Heiligkeit und Tugend auszeichneten. Unter diesen
war einer, der, obwohl arm, niedrig und verachtet in den Augen der Menschen,
hoch geachtet und hoch geschätzt war in den Augen Gottes, so dass er für würdig
befunden wurde, seinen Namen zu tragen: Johannes von Gott.
Portugiesischer Herkunft,
wurde Johannes von Gott in einem Dorf namens Montemor-o-Novo
geboren; dieses liegt im Bistum Evora im Königreich Portugal. Seine Eltern
gehörten dem Mittelstand an, sie waren weder reich noch ganz arm.
Er wuchs im Haus
seiner Eltern auf, bis er im Alter von acht Jahren ohne ihr Wissen von einem
Kleriker in die Stadt Oropesa gebracht wurde; dort lebte er lange Zeit im Hause
eines angesehenen Mannes, den man den Mayoral nannte.
Als er das
entsprechende Alter hatte, schickte ihn dieser aufs Feld zusammen mit den
anderen Knechten, die die Herde bewachten. Dort hatte er die Aufgabe, die
notwendige Verpflegung zu holen; diese Aufgabe erfüllte er mit großer
Gewissenhaftigkeit; denn da er in so zartem Alter elternlos dastand, war er
bemüht, diesen guten Mann in der erwähnten Beschäftigung zufrieden zu stellen,
und ihm als Hirt die ganze Zeit, welche er in seinem Haus verbrachte, zu
dienen. Deshalb hatten ihn seine Dienstherren sehr gerne und er war allgemein
beliebt.
Als er 22 Jahre alt
war, erfasste ihn das Verlangen, in den Krieg zu ziehen, und so meldete er sich
bei der Infanteriekompanie eines Hauptmanns mit dem Namen Juan Ferruz, den
damals der Graf von Oropesa im Dienst des Kaisers ausschickte, um Fuentarrabia
zu unterstützen, das vom König von Frankreich besetzt worden war.
Johannes, erfasst vom Verlangen, die Welt zu sehen und jene Freiheit zu
genießen, die sich gewöhnlich jene nehmen, die in den Krieg ziehen, indem sie
mit losem Zügel auf dem breiten (aber freilich bitteren) Weg der Laster dahineilen,
begegnete dabei vielen Schwierigkeiten und sah sich inmitten zahlreicher
Gefahren.
Eines Tages während
seines Aufenthaltes an jener Grenze fehlte ihm und seinen Kameraden die
Verpflegung. Da er jung und sehr hilfsbereit war, bot er sich an, auf einigen
Bauernhöfen und Gutshöfen nach Essbarem Ausschau zu halten; diese Häuser
befanden sich etwas entfernt von ihnen. Um schneller dorthin zu gelangen und
wieder zurückzukehren, stieg er auf eine französische Stute, die den Feinden
abgenommen worden war. Als er ungefähr zwei Meilen zurückgelegt hatte, erkannte
das Pferd plötzlich die Plätze, an denen es sich gewöhnlich aufhielt und begann
in rasendem Lauf in Richtung auf sein Land zu jagen. Da Johannes als Zügel nur
einen Halfter hatte, konnte er das Pferd nicht halten und dieses lief so
schnell über einen Berghang, dass er wild gegen einen Felsen geschleudert
wurde; dort blieb er mehr als zwei Stunden bewusstlos am Boden liegen, während
ihm Blut aus Mund und Nase floss. Er war wie tot, niemand konnte ihn in dieser
Gefahr sehen und Hilfe leisten.
Nachdem er wieder
zu sich gekommen war, erhob er sich, noch ganz benommen von dem Sturz, so rasch
wie möglich vom Boden, da ja die noch größere Gefahr bestand, in die Hände des
Feindes zu fallen, kniete sich, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen,
nieder, erhob die Augen zum Himmel und rief den Namen der Jungfrau Maria, die
er immer verehrt hatte, an. Er rief aus: „Mutter Gottes, komm mir zu Hilfe.
Bitte deinen heiligen Sohn, dass er mich von der Gefahr befreit, in der ich
mich befinde, und dass er mich nicht in die Hände der Feinde fallen lässt!“
Dann nahm er unter
großer Anstrengung einen Stock, den er dort gefunden hatte, in die Hand,
stützte sich auf ihn und begann zu gehen. Ganz langsam gelangte er schließlich
an den Platz, wo ihn seine Gefährten erwarteten. Als diese ihn in diesem üblen
Zustand sahen, glaubten sie, er sei mit den Feinden zusammengestoßen, und
fragten ihn, was vorgefallen sei. Er erzählte ihnen sein Unglück mit der Stute,
worauf sie ihn zu Bett gehen hießen, und, damit er schwitzte, mit Decken
einhüllten. So erholte er sich schon nach wenigen Tagen und wurde wieder
vollkommen gesund.
II.
Kapitel
JOHANNES
VON GOTT STÖSST IM KRIEG EIN WEITERES MISSGESCHICK ZU,
DAS IHN
VERANLASST HEIMZUKEHREN
Kaum waren einige
Tage vergangen, geriet Johannes von Gott in eine noch größere Gefahr.
Sein Hauptmann
hatte ihm einige Gegenstände zur Aufbewahrung anvertraut, welche den
französischen Soldaten abgenommen worden waren. Da er sie in seiner
Zerstreutheit nicht an einem sicheren Ort aufbewahrte, wurden sie ihm
gestohlen.
Als der Hauptmann
davon erfuhr, wurde er so zornig, dass er befahl, ihn am nächsten Baum
aufzuhängen, ohne auf die Bitten zu hören, die viele Soldaten zu Gunsten von
Johannes von Gott an ihn richteten.
Zufällig kam eine
edle Person vorüber, vor
welcher der Hauptmann Respekt hatte. Als diese den Grund der Verurteilung
erfuhr, bat sie den Offizier, das Urteil nicht zu vollstrecken und sich damit
zu begnügen, dass Johannes ihm nicht mehr vor die Augen treten und auf der
Stelle das Lager verlassen sollte. Als Johannes sich bewusst wurde, in welche
Gefahr er sein Leben gebracht hatte, und merkte, wie schlecht die Welt denen,
die ihr folgen, dies lohnt, entschloss er sich, nach Oropesa zum Mayoral ins
Haus seines Herrn zurückzukehren und wieder das ruhige Leben eines Hirten zu
führen, wie er es vorher getan hatte; dies schien ihm viel sicherer als der
Krieg.
Sein Herr freute
sich sehr über das Wiedersehen; denn er liebte Johannes wie einen Sohn, da
dieser treu und fleißig war und in seinem Haus aufgewachsen war. Diesmal blieb
er vier Jahre in seinem Dienst, doch dann erfuhr er eines Tages, als er mit
seinen Kameraden das Vieh hütete, dass der Graf von Oropesa mit seinen Leuten
im Dienst des Kaisers nach Ungarn ziehen wollte. Der Kaiser hatte sich zu jener
Zeit nach Wien begeben, um den Vormarsch der Türken
aufzuhalten. Die jungen Leute wollen ja nicht daheim bleiben und sind mit einer
Erfahrung nicht zufrieden.
Nachdem sich
Johannes genauer erkundigt hatte, entschloss er sich, indem er alles vergaß,
was ihm in Fuenterrabia zugestoßen war, dem Grafen
zu folgen, und setzte diesen Entschluss sofort in die Tat um. Während der
ganzen Zeit, die sich der Graf in Ungarn im Dienst des Kaisers aufhielt, diente
Johannes mit großer Umsicht in seinem Hause und erfreute sich bei allen großer
Beliebtheit. Nach Beendigung des Krieges und dem Rückzug der Türken kehrte er
mit dem Grafen auf dem Seeweg nach Spanien zurück. Der Graf ging im Hafen von
Coruna an Land und begab sich darauf nach Oropesa. Auch Johannes ging mit ihm
an Land.
III.
Kapitel
RÜCKKEHR
IN DIE HEIMAT UND
ERLEBNISSE
AN SEINEM GEBURTSORT
Nachdem
Johannes mit dem Grafen an Land gegangen war, überkam ihn ein großes Verlangen,
in seine Heimat zurückzukehren; denn der Weg dorthin schien ihm von dieser
Stelle aus sehr bequem und außerdem hatte er seine Heimat nie wieder gesehen,
seit er sie als Kind verlassen hatte. Auch wollte er gerne Kunde von seinen
Eltern und Verwandten haben.
Er machte sich also
auf den Weg und gelangte nach Montemor-o-Novo. Als er nach seinen Eltern
fragte, erkannte ihn keiner seiner Verwandten wieder, da er schon als kleines
Kind weggegangen war; sie konnten ihm auch keine Auskunft über seine Eltern
geben, da er ja nicht einmal ihren Namen wusste. Während er nun von einem zum
anderen ging, stieß er auf einen Onkel,
der in Ehren alt geworden war, und als er mit diesem sprach, erkannte ihn
dieser plötzlich sowohl auf Grund der Angaben, die er von seinen Eltern machte,
als auch an seinem Gesicht wieder und er fragte ihn, was aus ihm nach seinem
Weggang aus der Heimat geworden sei. Johannes erzählte ihm alles, was er erlebt
hatte, nachdem man ihn vom Hause seines Vaters fortgebracht hatte. Nachdem sie
fast den ganzen Tag miteinander gesprochen hatten, indem einer dem anderen
Fragen stellte, sagte der Onkel zu Johannes: „Mein Sohn, du musst wissen, dass
deine Mutter wenige Tage, nachdem man dich verschleppt hat, gestorben ist. Sie
starb vor Schmerz und Gram über deinen Verlust und weil sie nicht wusste, wohin
und wie man dich kleines Kind entführt hatte. Wir alle merkten, dass dieser
Schmerz ihr Leben verkürzte und die Hauptursache ihres Todes war. Dein Vater
aber ging, da er ohne Frau und Kinder geblieben war, nach Lissabon in ein
Kloster und legte das Ordenskleid des heiligen Franziskus an;
dort schloss er in Frömmigkeit seine Tage. Deshalb, mein Sohn, wenn du in
diesem Land bleiben und in meinem Haus wohnen willst, werde ich dir helfen und
dich in allem wie einen Sohn behandeln, solange du bei mir bleiben möchtest.“
Johannes trauerte
sehr über den Tod seiner Eltern, besonders weil er ahnte, mit Ursache ihrer
Leiden gewesen zu sein. Und er äußerte dies lebhaft durch Tränen und anklagende
Worte, so dass er auch den Onkel zu Tränen rührte. Er dankte ihm also für seine
gute Absicht und für alles, was er für ihn getan hatte, und da er ohne Eltern,
allein und von seinen Verwandten unerkannt war, sagte er nach einer Weile zu
seinem Onkel: „Herr Onkel, da es Gott gefallen hat, meine Eltern zu sich zu
rufen, möchte auch ich nicht in diesem Land bleiben, sondern einen Platz
suchen, wo ich dem Herrn außerhalb meiner Heimat dienen kann, wie dies mein
Vater getan hat, dessen gutem Beispiel ich folgen möchte. Und da ich ein so
schlechter Mensch und Sünder gewesen bin, ist es recht, dass ich den Rest
meines Lebens, das mir doch der Herr geschenkt hat, dazu verwende, um Buße zu
tun und ihm zu dienen. Ich vertraue fest auf meinen Herrn Jesus Christus, dass
er mir die Gnade gewährt, diesen meinen Wunsch in die Tat umzusetzen. Gebt mir
deshalb euren Segen und empfehlt mich inständig dem Herrgott, damit er mich an
seiner Hand führe. Der Herr vergelte euch die gute Absicht und die herzliche
Aufnahme, die ihr mir in eurem Haus gewährt habt.“
Der Onkel gab ihm
seinen Segen und sie umarmten und trennten sich unter vielen Tränen. Der gute
Alte blickte zum Himmel und sprach: „Johannes, mach dich guten Mutes auf den
Weg, denn ich bin zuversichtlich, dass unser Herr dir helfen wird, deine guten
Absichten zu verwirklichen, und dass die Gebete deiner guten Eltern dir eine
große Hilfe sein werden, damit du ihnen Gesellschaft leisten kannst.“
IV.
Kapitel
WEITERE
ERLEBNISSE
Nachdem sich
Johannes von seinem Onkel verabschiedet und dessen Segen empfangen hatte, begab
er sich nach Andalusien und verdingte sich im Gebiet von Sevilla bei der
Besitzerin einer Herde als Hirte.
So kehrte er einige Tage zu der Arbeit zurück, die er von klein auf erlernt
hatte und die ihm deshalb am besten gefiel.
Es scheint, dass
unser Herr Johannes eine Zeitlang in diesen beiden Berufen üben wollte, als
Hirten und als Soldaten. Denn diese beiden Berufe, vor allem das
Kriegshandwerk, eignen sich bestens als Einübung und Vorbereitung auf das
geistliche Leben, erkennt doch der Mensch, der das geistliche Leben wählt, dass
er nie die Waffen aus der Hand geben darf, sondern stets gegen den Verderber
kämpfen muss. Diesen Kampf gegen die Welt und gegen das Fleisch führte auch
Johannes. Und er übte sich auch im Beruf des Hirten, sollte er doch Hirt und
Führer so vieler Armen und Leidenden werden, für die er mit liebevoller Hingabe
für geistliche und weltliche Nahrung sowie Heilung in Krankheit sorgte.
Johannes sagte, er
leide sehr darunter, dass im Haus des Grafen von Oropesa die Pferde wohlgenährt,
glänzend herausgeputzt und in warme Decken gehüllt im Stall stünden, während
die Armen schwach, nackt und der schlechten Behandlung ihrer Mitmenschen
ausgesetzt seien. Deshalb sagte er zu sich selbst: „Johannes, wäre es nicht
besser, du würdest die Armen Jesu Christi nähren und pflegen als die Tiere des
Feldes?“ Dann seufzte er und rief aus: „Gott gebe, dass ich dies eines Tages
tun kann!“
Trotz dieses
heftigen Verlangens sah Johannes damals noch nicht den Weg, den der Herr ihm
für seinen Dienst zeigen wollte, auch wenn er ihn mit der Bereitschaft dazu
bereits ausgestattet hatte. Deshalb war er traurig und konnte nicht Ruhe und
Frieden finden, denn auch die Tätigkeit als Hirte gefiel ihm nicht mehr. Als er
nun einige Tage im Dienste dieser Frau gestanden hatte und darüber nachdachte,
was er tun sollte, um der Welt zu entsagen, überkam ihn ein starkes Verlangen,
nach Afrika zu gehen und dort eine Zeitlang zu bleiben. Und er setzte seinen
Plan gleich in die Tat um.
Er verabschiedete
sich von seiner Dienstherrin und begab sich nach Gibraltar, dem Grenzübergang
zu Ceuta. Unser Herr wollte nämlich, dass er sich durch die Übung heroischer
Werke der Nächstenliebe einen Teil jener Gnade verdiene, die er ihm später
gewähren wollte. Deshalb ließ er ihn in Gibraltar mit einem portugiesischen
Adeligen
zusammentreffen, der in Begleitung seiner Frau und seiner vier jungen Töchter
auf dem Weg nach Ceuta
war. Dorthin hatte ihn der König von Portugal wegen einiger Vergehen verbannt,
aufgrund derer auch seine Güter eingezogen worden waren und er einige Jahre in
diesem Grenzgebiet verbringen sollte. Nachdem Johannes mit ihm ins Gespräch
gekommen und ihm seine Absicht kundgetan hatte, erbot sich der Edelmann, ihn
mitzunehmen und ihm beste Behandlung und Bezahlung zu gewähren. Nachdem sie
sich so geeinigt hatten, bestiegen sie ein Schiff und fuhren nach Ceuta.
V.
Kapitel
ERLEBNISSE
IN AFRIKA UND
RÜCKKEHR
NACH SPANIEN
Nach der Ankunft in
Ceuta erwies sich dieses Gebiet als so ungesund für den Edelmann und seine
Familie, dass alle krank wurden, wozu nicht zuletzt auch der große Schmerz über
die Verbannung und die Verarmung beitrug. So kam es, dass sie schließlich auch
das Wenige, das sie mitgenommen hatten, verbrauchten und in bitterste Not
gerieten. Deshalb sahen sie sich gezwungen, Johannes von Gott um Hilfe zu
bitten. Denn er war, trotz seiner Armut, angesichts des Ortes und der Umstände
die einzige Hilfe, die ihnen zur Verfügung stand. Der Edelmann rief also
Johannes zu sich und weihte ihn in seine große Notlage ein, indem er ihm
verständlich machte, wie schwer es sei, diese armen, aber edlen Mädchen, die im
Reichtum aufgewachsen waren, zu erhalten; und da er keinen anderen Ausweg sah,
bat er Johannes, bei den Arbeiten, die der König damals in Ceuta zum Zwecke der
Befestigung einiger Mauern durchführen ließ, sich zu verdingen und mit dem Lohn
den Lebensunterhalt von ihnen allen zusammen zu bestreiten.
Diese Gründe, die
jeden ergriffen hätten, aber ganz besonders Johannes zu Herzen gingen, der
ohnehin bereit war zu jedem Werk, das unserem Herrn gefiel, waren für ihn so
überzeugend, dass er sich sofort bereitwillig erbot, die Bitte zu erfüllen,
auch weil er darin einen Weg zur Verwirklichung seines tiefsten Wunsches sah.
Und er hielt sich an sein Versprechen, solange er im Hause des Edelmanns war,
und übergab ihm allabendlich bereitwillig den Tageslohn, indem er voll Freude
sah, dass damit für diese armen Mädchen und ihre Eltern gesorgt war.
Manchmal geschah
es, dass Johannes verhindert war, zur Arbeit zu gehen, oder dass er den Lohn
für seine Arbeit nicht erhielt; dann hatten sie nichts zu essen und ertrugen
dies voller Geduld, ohne mit jemandem über ihre Not zu sprechen. Es war ein so
gutes Werk und schien Gott so wohlgefällig, dass Johannes öfters sagte, er habe
begriffen, dass unser Herr in seiner großen Güte ihn in dieser Zeit dazu
bestimmt hatte, sich in diesem guten Werk zu üben, um so ein wenig von jener
Gnade zu verdienen, die er ihm dann gewährte.
Als aber der
Teufel, unser Widersacher, den Nutzen sah, der von diesem guten Werk sowohl für
den, der es tat, als auch für die, die es empfingen, ausging, setzte er alles
daran, es in seiner gewohnten Arglist zu verhindern. Das geschah
folgendermaßen: diejenigen, die sich bei den erwähnten Arbeiten verdingten,
wurden von den Beamten des Königs beschimpft und misshandelt, als ob sie
Sklaven wären, und da sie während ihres Aufenthalts in diesem Grenzgebiet von
ihrer Freiheit nicht Gebrauch machen und in christliche Länder gehen konnten,
flohen einige besonders ungeduldige und vermutlich haltlose in die nahe Stadt
Tetuan und wurden Mohammedaner. Unter diesen war auch ein Freund von Johannes,
der unter dem Trug des Satans floh und zum Islam übertrat, ohne Johannes auch
nur ein Wort zu sagen. Darüber war Johannes so betrübt, dass er unaufhörlich
weinte und seufzte; er rief aus: „O ich Unglückseliger! Wie werde ich für
diesen Bruder Rechenschaft ablegen können, der sich in dieser Weise von der
heiligen Mutter Kirche getrennt und die Wahrheit des Glaubens verleugnet hat,
nur weil er nicht bereit war, ein wenig Mühsal auf sich zu nehmen!“ Und während
sein Denken ganz von dieser Vorstellung eingenommen war, flüsterte ihm der
Satan ein, dass dies durch seine Schuld geschehen sei, und da Johannes ihm in
seiner Schwäche nicht genügend Widerstand entgegensetzte, gelang es ihm fast,
ihn dazu zu bringen, dass er an seiner Rettung verzweifelte und so handeln
wollte wie sein Freund.
Aber unser Herr,
der auf ihn blickte und ihn für große Aufgaben bestimmt hatte, kam ihm, wie er
es zu tun pflegt, in der größten Not zu Hilfe und öffnete ihm die Augen seiner
Seele, indem er ihn die große Gefahr erkennen ließ, in der er schwebte, und für
das notwendige Heilmittel sorgte. Er führte ihn nämlich zu einem Seelenarzt,
wie Johannes selbst schon im Gebet unter vielen Tränen und Seufzern es von der
Jungfrau Maria erfleht hatte. Er begab sich also in ein Franziskanerkloster,
das sich in Ceuta befindet, und begegnete dort mit Hilfe Gottes einem Bruder,
der sich durch Bildung und einen vorbildlichen Lebenswandel auszeichnete, dem
er in einer ausführlichen Beichte sein Herz ausschüttete und seine Wunden
aufdeckte.
Der Beichtvater gab
ihm die Medizin, die er jetzt benötigte: er befahl ihm ausdrücklich unter
anderem, er solle sofort das Land verlassen und nach Spanien zurückkehren, um
so schnell als möglich der teuflischen Versuchung zu entgehen, der er hier
ausgesetzt war und die angesichts ihrer Gefährlichkeit ein radikales
Gegenmittel erforderte. Johannes folgte dem Rat so schnell wie möglich, auch
wenn er unter dem Gedanken litt, dass die Familie jetzt ohne seine Hilfe
auskommen musste. Da er aber sah, dass dies notwendig sei, verwarf er alle
anderen Gedanken, ging zu ihnen und erklärte ihnen, dass seine Abreise zur
Wahrung seines Seelenheils unumgänglich sei; er könne nicht anders handeln, sie
möchten ihm verzeihen, es sei sein ehrlicher Wunsch gewesen, ihnen weiterhin
mit derselben Bereitschaft zu dienen, solange sie dort seien, aber unser Herr
habe es ihm anders befohlen. Gott der Vater werde für sie sorgen, wie er es
bisher getan habe, sie sollten deshalb auf ihn vertrauen, ihm aber sollten sie
die Erlaubnis zur Abreise geben.
Es ist unmöglich
den Schmerz zu beschreiben, den der Vater und die Töchter bei dieser Nachricht
empfanden. Da sie aber sahen, dass sein Vorsatz feststand, ließen sie ihn unter
vielen Tränen ziehen und wünschten ihm, dass der Herr ihm auf seinem
zukünftigen Weg jenen Beistand gewähren möge, den er ihnen habe zukommen
lassen, und dass er sich so stets seiner Hilfe erfreuen möge. Und so verabschiedete
er sich von ihnen, bestieg ein Schiff und fuhr zurück nach Gibraltar.
VI.
Kapitel
GESCHEHNISSE
BIS ZU SEINER ENDGÜLTIGEN BEKEHRUNG
Sofort nachdem
Johannes von Gott in Gibraltar angekommen war, ging er in eine Kirche, kniete
vor dem Bild des Gekreuzigten nieder, dankte unserem Herrn von Herzen und
sprach: „Sei gebenedeit, o Herr, dass du in deiner übergroßen Güte einen so
großen Sünder und Unwürdigen wie mich von der großen Täuschung und Versuchung,
in die ich wegen meiner schweren Sünden geraten bin, befreit hast und mich in
diesen sicheren Hafen geführt hast. Hier will ich mich bemühen, dir mit all
meinen Kräften zu dienen, wenn du mir deine Gnade dazu gibst. Ich bitte dich
deshalb von ganzem Herzen, mein Herr: Schenke mir deine Gnade und wende nicht
die Augen deiner Barmherzigkeit von mir. Zeig mir den Weg, den ich einschlagen
soll, um dir dienen und auf immer dein Sklave sein zu können. Schenke mir
Frieden und Ruhe, damit diese Seele findet, was sie so sehr aus gutem Grund
ersehnt; denn du, o Herr, bist überaus würdig, dass dein Geschöpf dir dient,
dich preist und sich dir mit ganzem Herzen und ganzem Willen hingibt.“
In den folgenden
Tagen, die er dort verbrachte, legte er nach einer entsprechenden Zeit der
Vorbereitung eine Generalbeichte ab und suchte unaufhörlich, sooft es ihm nur
möglich war, die Kirchen auf, um dort zu beten. Und immer wieder bat er unseren
Herrn aus ganzem Herzen und unter vielen Tränen, er möge ihm seine Sünden
vergeben und den Weg offenbaren, auf dem er ihm dienen sollte.
Er ging jeden Tag
arbeiten, je nachdem, was er fand. Da er sich mit einer bescheidenen
Lebensführung begnügte, sparte er sich das Geld vom täglichen Lohn und hatte
schließlich eine kleine Geldsumme beisammen. Hiermit kaufte er einige religiöse
Bücher, Katechismen
und Heiligenbildchen, die er dann seinerseits weiterverkaufte, indem er in der
Umgebung von Ort zu Ort zog. Er hatte das Gefühl, dass ihm diese Tätigkeit ein
ruhigeres und ehrenhafteres Leben als bisher erlaubte und er darüber hinaus
Menschen aller Art nützlich sein konnte. Denn wenn Leute kamen, um weltliche
Bücher zu erwerben – er kaufte nämlich auch solche -, ergriff er die
Gelegenheit, um ihnen zu raten, sie sollten nicht dieses, sondern ein anderes,
religiöses Buch kaufen. So überredete und ermunterte er sie, gute Bücher zu
lesen, und erteilte ihnen, besonders aber den Kindern, auch gute Lehren.
Beseelt von diesem frommen Eifer gab er weise Belehrungen und verkaufte das
religiöse Buch viel billiger, damit sie es nahmen. Ja, er diskreditierte die
irdische Ware, um jene himmlische zu verkaufen, weil er sich dafür des ewigen
Lohnes gewiss war. Genauso machte er es mit den Bildern, indem er alle davon
überzeugte, dass niemand ohne sie sein sollte, um bei ihrem Anblick ständig die
Andacht erneuern und sich das ins Gedächtnis rufen zu können, was sie
darstellen. Die Katechismen aber sollten den Gläubigen helfen, die Kinder in
der christlichen Religion zu unterweisen.
Hierbei zeigte er
so viel Geschick und war so freundlich und entgegenkommend zu allen, dass viele
auch das kauften, was sie vorher gar nicht hatten kaufen wollen, da sie von
seinen Worten, die er mit soviel Anmut und Liebe sprach, überzeugt wurden.
In kurzer Zeit
gelang es ihm so, sein geistliches und zeitliches Kapital zu vermehren; denn
abgesehen von dem guten Werk, das er tat, indem er viele zur Lektüre guter
Bücher veranlasste – es ist offensichtlich, welch großer Segen daraus erwächst
– vermehrte er auch seinen Bücherbestand, indem er immer mehr und bessere
erwarb. Da es ihm jedoch mit der Zeit immer mehr Mühe kostete, Tag für Tag mit
dem Bündel auf den Schultern von Ort zu Ort zu ziehen, fasste er den
Entschluss, nach Granada zu ziehen und sich dort niederzulassen. Das tat er
denn auch und begab sich im Alter von 46 Jahren
dorthin, mietete ein Haus und eröffnete ein Geschäft am Elvirator.
Dort blieb er und ging er seiner Arbeit nach, bis es unserem Herrn gefiel, ihn
zu einem anderen, besseren Dienst zu berufen.
VII.
Kapitel
DIE
BEKEHRUNG VON JOHANNES VON GOTT
Während nun Johannes
von Gott ganz von seiner Arbeit in Anspruch genommen war, erinnerte sich der
Herr an ihn und an die Gnade, die er ihm gewähren sollte, und wandte ihm seine
barmherzigen Augen zu. Er erhob ihn zu einer anderen Tätigkeit und machte aus
dem großen Sünder einen großen Büßer und Gerechten und Diener seiner Armen. Und
das geschah so:
Am Tag des heiligen
Märtyrers Sebastian wurde damals in der Stadt Granada in der Kartause der
Märtyrer in der Oberstadt gegenüber der Alhambra ein großes Fest begangen.
Als Festprediger erschien ein hervorragender Mann, ein Lehrer der Theologie
namens Magister Avila,
ein Licht und Glanz der Heiligkeit, der Klugheit und der Wissenschaft für alle
seine Zeitgenossen. Er war ein Mann, durch dessen gutes Beispiel und heilige Gelehrsamkeit
unser Herr in ganz Spanien großen Segen bei allen Volksschichten unter den
Seelen stiftete, so dass darüber ein eigener ausführlicher Bericht erforderlich
wäre. Und da seine Predigten so gut und so berühmt waren, folgte ihm auch an
jenem Tag aus gutem Grund eine große Schar von Gläubigen. Und in dieser Schar,
die ihm lauschen wollte, befand sich auch Johannes von Gott.
Da das Feld seiner
Seele hinreichend bereitet war durch die Beichten und die Werke der
Nächstenliebe, in denen er sich, wie wir gesagt haben, übte, trug das Wort
Gottes in ihm reiche Frucht. Er lauschte angespannt den anschaulichen Worten,
mit denen dieser Mann den Lohn pries, den der Herr seinem heiligen Blutzeugen
für die vielen, aus Liebe zu ihm ertragenen Leiden gewährt hat, und aus denen
der Prediger folgerte, wie sehr doch ein Christ darum bemüht sein muss, unserem
Herrn zu dienen und ihn nicht zu beleidigen, und sonst lieber tausendmal
sterben sollte.
Durch die Gnade des
Herrn, der jene Worte eingab, drangen diese so tief in das Innerste von
Johannes ein und erschütterten ihn so sehr, dass sich sofort ihre Kraft und
Wirkung zeigte. Denn nach der Predigt ging Johannes hinaus und bat, völlig
außer sich, Gott mit lauter Stimme um Erbarmen. Sodann warf er sich in
Verachtung seiner selbst – so wie einer, der nun wirklich das schätzte, was
geschätzt werden muss – wild zu Boden, schlug den Kopf gegen die Wand, riss
sich die Barthaare und die Augenbrauen aus und tat noch manches, was leicht bei
allen den Verdacht erwecken konnte, dass er den Verstand verloren habe. Er
sprang und lief herum und wiederholte immer wieder die gleichen Worte. Als er
so in die Stadt zurückkehrte, folgten ihm viele Leute, insbesondere
Halbwüchsige; die ihn mit dem Ruf: „Nehmt euch vor dem Narren in Acht!“ begleiteten.
Er ging bis zu seinem Haus, wo er den Laden und sein ganzes Hab und Gut hatte.
Kaum war er dort angekommen, packte er die Bücher, die er besaß und zerriss mit
Händen und Zähnen jene, die vom Rittertum und von weltlichen Dingen handelten.
Diejenigen aber, die von Heiligenleben und von der christlichen Lehre
handelten, verschenkte er mit offenen Händen an den Nächstbesten, der um der
Liebe Gottes willen darum bat. Genauso verfuhr er mit den Bildern und mit
allem, was er sonst noch im Haus hatte. Und da diejenigen, die von ihm etwas
haben wollten, immer mehr wurden, stand er in kurzer Zeit ohne Geld und ohne
jeden Besitz da. Denn er beschränkte sich nicht nur darauf, sondern zog auch
die Kleider, die er am Leib trug, aus und verschenkte sie, bis ihm nur mehr ein
Hemd und eine Hose blieben, die er behielt, um seine Blöße zu bedecken.
Und in diesem
Zustand, fast unbekleidet, barfuß und ohne Kopfbedeckung, lief er erneut durch
die Hauptstraßen von Granada, indem er mit lauter Stimme rief, dass er entblößt
dem entblößten Christus folgen und ganz arm werden wollte für den, der sich arm
gemacht hat, um seinen Geschöpfen den Weg der Demut zu zeigen, obwohl er doch
der Reichtum aller Geschöpfe ist. So bat Johannes auf den Straßen von Granada
den Herrn laut um Erbarmen und gelangte, gefolgt von vielen Leuten, die sehen
wollten, was er tat, zur Hauptkirche.
Dort warf er sich auf die Knie und begann laut zu rufen: „Erbarme dich, erbarme
dich, Herr und Gott, dieses großen Sünders, der dich beleidigt hat!“ Und er kratzte
sich das Gesicht auf, ohrfeigte und schlug sich, warf sich zu Boden und hörte
nicht auf, zu weinen, zu schreien und den Herrn um Vergebung für seine Sünden
zu bitten.
Das
aufsehenerregende Verhalten von Johannes erweckte bei einigen hochgestellten
Personen, die ihn sahen, Mitleid und da sie erkannten, dass es sich nicht um
eine Geistesstörung handelte, wie man allgemein annahm, brachten sie ihn in die
Wohnung von Pater Avila, durch dessen Predigt er sich bekehrt hatte, und
erzählten ihm alles, was sich nach der Predigt zugetragen hatte. Pater Avila
befahl allen Leuten, die mit Johannes gekommen waren, hinauszugehen und blieb
mit ihm allein im Zimmer. Johannes warf sich vor ihm auf die Knie, berichtete
ihm kurz über sein vergangenes Leben, beichtete mit deutlichen Zeichen der
Zerknirschung seine Sünden und bat ihn, ihn unter seinen Schutz und seine
Führung zu nehmen; denn der Herr hatte durch ihn begonnen, ihm eine so große
Gnade zu erweisen. Er erklärte, dass er ihn von nun an zu seinem Vater und zum
Propheten des Herrn nehmen wolle, und bereit war, ihm bis zum Tode zu
gehorchen.
VIII.
Kapitel
JOHANNES
WIRD FÜR VERRÜCKT GEHALTEN
Pater Magister Avila dankte unserem Herrn
von ganzem Herzen für die deutlichen Zeichen der Zerknirschung, die er bei dem
neuen Büßer sah, und freute sich über den ehrlichen Schmerz, den Johannes ganz
offensichtlich darüber empfand, dass er Gott beleidigt hatte. Deshalb erklärte
er sich bereit, ihn von nun an als geistlichen Sohn unter seine Fittiche zu
nehmen und erbot sich, ihn nach bestem Wissen und Gewissen zu beraten. Er
sagte:
„Bruder Johannes,
sucht Halt bei unserem Herrn Jesus Christus und vertraut auf seine
Barmherzigkeit; denn da er dieses Werk begonnen hat, wird er es auch vollenden.
Seid treu und standhaft in dem, was ihr begonnen habt! Wendet euch nicht um und
lasst euch nicht vom Teufel überwältigen! Denkt immer daran, dass diejenigen,
die als tapfere Ritter im Heer dieses Herrn bis zum Ende kämpfen, sich dereinst
der ewigen Herrlichkeit mit ihm erfreuen werden. Diejenigen aber, die ihm aus
Feigheit den Rücken zuwenden, werden in die Hände ihrer Feinde fallen und für
immer verloren sein. Und wenn ihr betrübt und niedergeschlagen seid – was
sicher vorkommen wird – wegen der Beschwerden und der Versuchungen, denen in
der Regel die ausgesetzt sind, welche beginnen, die Schlachten des Herrn zu
schlagen, dann kommt zu mir; denn da ich die Schläge und Wunden, unter denen
ihr am meisten zu leiden haben werdet, sowie die Nachstellungen, mit denen euch
euer Feind mit allen Mitteln bekämpfen wird, gut kenne, werdet ihr bei mir, mit
der Gnade und der Hilfe unseres Herrn, die Medizin finden, die eurer Seele Heil
und Genesung bringt, und neue Kräfte schöpfen, um gegen eure Feinde zu kämpfen.
Und nun geht in Frieden mit dem Segen des Herrn und mit meinem, denn ich bin
sicher, dass euch Gott seine Barmherzigkeit nicht versagen wird.“
Johannes von Gott
ging zutiefst getröstet und ermutigt von den Worten und den guten Ratschlägen
jenes heiligen Mannes davon und schöpfte daraus erneut die Kraft, um sich
selbst zu verachten und sein Fleisch abzutöten. Zugleich erwachte in ihm erneut
der Wunsch, dass ihn alle für verrückt, böse sowie jeder Verachtung und Schmach
wert ansehen möchten, um so noch besser Jesus Christus dienen und gefallen zu
können; denn er lebte nur für seine Augen und wollte auf diese Weise mit
heiliger Vorsicht die Gnade verbergen, die er aus seiner Hand empfangen hatte.
Aus diesem Grunde beschloss er, nachdem er von Pater Avila weggegangen war,
sich auf den Bibarrambla-Platz
zu begeben. Dort warf er sich zu Boden, wälzte sich in einer Schlammpfütze und
begann, indem er immer wieder seinen Mund in den Schlamm steckte, mit lauter
Stimme vor den Augen aller, die ihm zuschauten – und es waren viele -, seine
Sünden zu bekennen, an die er sich erinnerte. Er rief aus: „Ich bin ein überaus
großer Sünder gegen meinen Gott gewesen und habe ihn mit diesen und jenen
Sünden beleidigt. Was verdient ein Verräter, der das getan hat, anderes, als
von allen geschlagen und misshandelt zu werden und für den jämmerlichsten
Menschen der Welt gehalten und in den Schlamm und Dreck geworfen zu werden, wo
alle Abfälle hingehören?“
Alle Leute aus dem
Volk, die das sahen, konnten nicht anders denken, als dass er den Verstand
verloren habe. Er aber war inzwischen unwiderrufbar von der Gnade des Herrn
entflammt und von dem Wunsch erfüllt, für ihn zu sterben und von allen
verachtet und verspottet zu werden. Deswegen stieg er, damit alle dies täten –
ihn verachten und verspotten - aus dem Schlamm, und begann, durch die
Hauptstraßen der Stadt zu laufen, indem er wie ein Wilder herumsprang und so
den Anschein erweckte, dass er verrückt sei.
Als die
Halbwüchsigen und der Pöbel dies bemerkten, begannen sie, ihm zu folgen und ihn
unter großem Gelächter und Geschrei mit Steinen, Kot und anderem Unrat zu
bewerfen. Er aber ertrug alles mit großer Geduld und Freude, als wenn ein Fest
gefeiert würde, empfand er es doch als ein großes Glück, dass sein Wunsch in
Erfüllung ging, für den etwas erleiden zu dürfen, den er über alles liebte,
ohne irgendjemand Böses zuzufügen.
Johannes trug ein
hölzernes Kreuz in den Händen, das er allen zum Kusse reichte. Wenn ihn jemand
aufforderte, die Erde aus Liebe zu Jesus zu küssen, gehorchte er sofort und tat
dies, auch wenn sie sehr schmutzig war oder ein Kind ihn dazu aufforderte.
Er tat dies einige
Tage lang mit solcher Inbrunst, dass er oft erschöpft und betäubt von den
Beschimpfungen, Stößen und Schlägen, die er empfing, auf den Boden fiel. Er
stellte sich nämlich so geschickt als verrückt dar, dass ihn fast alle wirklich
für verrückt hielten. Zugleich war er so schwach wegen der ständigen
Misshandlungen, die man ihm zufügte, und wegen der geringen Nahrung, die er zu
sich nahm, dass er sich kaum noch auf den Füßen halten konnte. Trotzdem hatte
er der Demütigungen noch nicht genug und bot mit heiterem Angesicht, ohne zu
klagen oder zu widersprechen, seinen Leib den Steinwürfen und Schlägen der
Halbwüchsigen dar.
Als ihn zwei
rechtschaffene Männer der Stadt in diesem Zustand sahen, wurden sie von Mitleid
ergriffen, nahmen ihn bei der Hand, entrissen ihn den Misshandlungen des Pöbels
und brachten ihn in das Königliche Hospital.
Dort wurden die Geisteskranken der Stadt eingewiesen und gepflegt. Sie baten
den Verwalter, Johannes aufzunehmen und zu pflegen. Er sollte ihn in einem Raum
unterbringen, wo er vor den Menschen in Schutz sei und Ruhe finde, damit er von
der Geisteskrankheit heilen könne, die ihn befallen hatte.
Da der Verwalter
Johannes in der Stadt herumgehen und all die geschilderten Leiden ertragen
sehen hatte, nahm er ihn sofort auf und befahl einem Pfleger, ihn
hineinzubringen.
Als sie sahen, wie
übel er zugerichtet war, - die Kleider zerfetzt, den Körper voller Wunden und
Striemen infolge der Hiebe und Steinwürfe -, nahmen sie sich unverzüglich
seiner an. Zunächst bemühte man sich, ihn mit freundlichen Manieren wieder zu
sich zu bringen und von seinem Irrsinn zu befreien. Da aber die Behandlung, die
man gewöhnlich in diesen Häusern solchen Menschen zuteil werden lässt, darin
besteht, dass man sie auspeitscht, in Fesseln legt und ähnlichem, damit sie
durch Schmerz und Strafe von ihrer Wildheit ablassen und zu sich kommen, banden
sie ihm Hände und Füße, entkleideten ihn und gaben ihm mit einer doppelt
geflochtenen Peitsche zahlreiche Schläge.
Seine Krankheit
bestand aber nun darin, dass er von der Liebe Christi verwundet war. Deshalb
begann er, damit sie ihm noch mehr Schläge gäben und ihn noch schlechter
behandelten, folgendermaßen zu schreien: „O ihr Verräter und Feinde der Tugend!
Weshalb behandelt ihr so übel und so grausam diese meine armen und
unglücklichen Brüder, welche sich zusammen mit mir in diesem Haus Gottes
befinden? Wäre es nicht besser, mit ihnen und ihren Leiden Mitleid zu haben,
sie zu waschen und ihnen mit mehr Liebe und Barmherzigkeit zu essen zu geben,
als ihr es tut? Zu diesem Zweck haben doch die katholischen Könige die
Einkünfte gestiftet, die notwendig waren.“
Als die
Krankenwärter dies hörten, glaubten sie, dass zum Wahnsinn auch noch Bösartigkeit
hinzugekommen sei, und da sie ihn von beidem befreien wollten, fügten sie zu
der vorgesehenen Strafe noch weitere schmerzhafte Schläge hinzu und gaben ihm
viel mehr Schläge als denen, welche sie nur für verrückt hielten.
Aber auch so hörte
er nicht auf, ihnen unter dem Deckmantel der Verrücktheit Vorwürfe zu machen
wegen der Nachlässigkeit, mit der sie handelten, was ihm mit einer doppelten
Tracht Prügel heimgezahlt wurde. Und so litt er Unsägliches, indem er im
Stillen seines Herzens alles dem aufopferte, dem zuliebe er litt und für den er
das alles auf sich genommen hatte.
IX.
Kapitel
PATER
AVILA SCHICKT EINEN SEINER JÜNGER IN DAS HOSPITAL,
DER
JOHANNES VON GOTT TRÖSTEN SOLL
Als Meister Avila erfuhr, dass Johannes von
Gott als Geisteskranker im Königlichen Hospital eingeschlossen worden war,
sandte er, da er die Ursache seiner Krankheit sehr wohl kannte, sofort einen
seiner Jünger zu ihm und ließ ihm ausrichten, dass er sich über seine
Fortschritte sehr freue, sehe er doch, dass er begonnen habe, Christi zuliebe
zu leiden. Er bitte ihn seinerseits, um des selben Herrn Jesus willen, sich wie
ein guter und tapferer Soldat zu betragen, indem er sein Leben für seinen Herrn
und König hinzugeben bereit sei, und mit Demut und Geduld alle Leiden zu ertragen,
welche die göttliche Majestät ihm auferlege. Denn wenn er betrachte, was unser
Heiland am Kreuz erduldet habe, dann werde ihm jeder Schmerz leicht erscheinen.
Außerdem ließ er ihm sagen: „Rüstet euch jetzt, Bruder Johannes, da ihr Zeit
habt, für den Augenblick, in dem ihr in die Welt zurückkehren werdet, um gegen
die drei Feinde zu kämpfen,
und habt Vertrauen zum Herrn, denn er wird euch nicht verlassen.“
Bruder Johannes
empfand es als eine große Gnade und einen großen Trost, dass sein guter Vater,
Meister Avila, ihn besuchen ließ und sich an ihn erinnerte, während er, von
allen vergessen, in jenem Gefängnis eingeschlossen war. Und es freute ihn sehr,
dass er, außer dem Herrn, der einzige war, der an ihn dachte und ihn in seiner
Bedrängnis tröstete. Deshalb weinte er vor Freude über die Gnade, die ihm der
Herr erwies, und antwortete folgendermaßen: „Sagt zu meinem guten Vater, dass
der Herr Jesus ihn mit einem Besuch beglücken und ihm all das Gute vergelten
möge, das er mir erweist, und dass er hier einen Sklaven hat, den er in einem
gerechten Krieg erworben hat und der auf Gottes Barmherzigkeit hofft. Obwohl
ich ein schlechter und unnutzer Knecht bin, möge er um der Liebe Christi willen
nicht vergessen, mich in seinen Gebeten der göttlichen Majestät zu empfehlen;
denn so lebe ich glücklich und hoffe, dass es mir nicht an seinem Beistand
fehlen wird.“ Mit diesen und ähnlichen Worten besuchten sich die beiden
heimlich und verstanden einander.
Die Krankenwärter
des Hospitals hatten ein besonderes Auge auf Johannes und von Zeit zu Zeit,
wenn sie ihn verändert sahen und er ihnen Anlass dazu gab, wie oben beschrieben
wurde, scheuten sie sich nicht, ihn entsprechend wie die anderen zu züchtigen,
denn dadurch beabsichtigen sie ihn zu heilen. Johannes empfing die Schläge
frohen Mutes und rief aus: „Brüder, gebt es diesem verräterischen Fleisch, dem
Feind alles Guten, das die Ursache aller meiner Sünden gewesen ist! Und da ich
ihm gehorcht habe, ist es recht, dass wir beide büßen, weil wir beide gesündigt
haben.“
Und wenn er sah,
wie die anderen Kranken, die zusammen mit ihm als Geisteskranke eingeschlossen
waren, gezüchtigt wurden, sprach er: „Jesus Christus möge mir die Zeit schenken
und die Gnade gewähren, dass ich ein Hospital habe, in dem ich die armen
Menschen, die verlassen und der Vernunft beraubt sind, sammeln kann, um ihnen
zu dienen, wie ich es wünsche!“ Und unser Herr sollte ihm diese Bitte restlos
erfüllen, wie wir später sehen werden. Nachdem nun einige Tage vergangen waren,
seit Johannes von Gott im Hospital war und diese und viele andere Leiden
ertrug, um besser den Willen und Wunsch, von dem er erfüllt war, zu verbergen
und in die Tat umzusetzen, und zwar unserem Herrn in seinen Armen zu dienen,
schien ihm die Zeit gekommen zu zeigen, dass er sich beruhigt hatte und in sich
gekehrt war. Also dankte er Gott mit Tränen und Seufzern und sprach:
„Gebenedeit sei unser Herr, denn ich fühle mich geheilt und frei und besser,
als ich es verdiene, vom Schmerz und von der Angst, die ich in meinem Herzen
während der vergangenen Tage spürte.“
Der Verwalter und
die anderen Angestellten freuten sich sehr, als sie sahen, dass sich Johannes
erholt hatte, und von ihm hörten, dass er sich besser fühlte. Deshalb nahmen
sie ihm die Fesseln ab und erlaubten ihm, frei durchs Haus zu gehen. Ohne
darauf zu warten, dass man ihm etwas sagte, machte sich Johannes daran, den
Armen mit großer Liebe alle möglichen Dienste zu erweisen, indem er den Boden
wusch und kehrte und die Toiletten reinigte.
Die Krankenpfleger
waren ebenfalls sehr erfreut, als sie sahen, dass er die Krankheit so gut
überstanden und wieder Vernunft angenommen hatte, ja dass er sie alle an Liebe
und Hilfsbereitschaft gegenüber den Armen übertraf. Und sie dankten unserem
Herrn.
X.
Kapitel
JOHANNES
VON GOTT PILGERT
ZU
UNSERER LIEBEN FRAU VON GUADALUPE
Während Johannes
von Gott sich der Verrichtung dieser Dienste widmete, saß er eines Tages an der
Pforte des Hospitals und dachte an seine Leiden und an die Gnaden, die er von
unserem Herrn empfangen hatte. Es war der Tag der elftausend heiligen
Jungfrauen. Plötzlich sah er, als er über die Felder blickte, am Hospital viele
Menschen zu Pferd, zahlreiche Geistliche und viele andere geweihte Personen
vorüberziehen. Sie trugen und begleiteten den Leichnam der Kaiserin, der
Gemahlin Karls V., die soeben gestorben war und in der Königlichen Kapelle von
Granada beigesetzt werden sollte.
Als er erfuhr, worum es sich handelte, wurde er, angeregt von diesem
Schauspiel, von dem Verlangen erfasst, auf der Stelle das Hospital zu verlassen
und seine guten Absichten in die Tat umzusetzen, nämlich unserem Herrn in
seinen Armen zu dienen, ihnen Speise und Trank zu verschaffen und die
Verlassenen und Pilger aufzunehmen. Denn zu jener Zeit gab es in jener Stadt,
die erst seit kurzem zurückerobert worden war, noch kein Hospital, in dem man
Aufnahme finden konnte. Mit diesem Entschluss begab er sich zum Verwalter und
sprach: „Bruder, unser Herr Jesus lohne dir das Almosen und die Liebe, die mir
in diesem Haus in der Zeit meiner Krankheit zuteil wurde. Jetzt aber fühle ich
mich, Gott sei Dank, wieder wohl und gesund, so dass ich arbeiten kann. Gebt
mir deshalb, wenn ihr einverstanden seid, um der Liebe Gottes willen die
Erlaubnis wegzugehen.“
„Ich hätte es
vorgezogen“, sprach der Verwalter, „wenn ihr noch einige Tage in diesem Haus
geblieben wärt, um euch zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen, seid ihr
doch noch sehr schwach und erschöpft von der durchlittenen Krankheit. Aber da
es euer Wille ist zu gehen, so geht mit Gottes Segen! Nehmt aber eine
Bestätigung von mir mit, damit die Leute, wenn sie euch sehen, nicht wieder ins
Hospital zurückbringen. Denn sie könnten glauben, dass ihr noch nicht von eurer
Krankheit geheilt seid. So aber könnt ihr ungehindert gehen, wohin ihr wollt.“
Johannes nahm die
Bestätigung dankbar an, freute sich aber insgeheim, dass man weiter an der
Meinung festhielt, die man sich von ihm gebildet hatte, nämlich dass er
wirklich verrückt sei.
Nachdem Johannes
sich von allen im Hause verabschiedet hatte, wo man ihn inzwischen sehr
liebgewonnen hatte, machte er sich in verschlissenen und notdürftigen Kleidern,
barfuß und barhaupt auf den Weg zu Unserer Lieben Frau von Guadalupe.
Er wollte dort die Jungfrau Maria besuchen, um ihr für alle Hilfe und Gnade,
die er empfangen hatte, zu danken und seine Bitte um Hilfe und Beistand für das
neue Leben, das er beginnen wollte, zu erneuern. Er sagte nämlich, dass er
immer deutlich ihre Gunst und Huld in all seinen Leiden und Nöten verspürt
hatte.
Auf dieser Reise
hatte er viel unter Hunger, Kälte und der ungenügenden Bekleidung zu leiden.
Denn es war mitten im Winter,
und da er kein Geld hatte, musste er das Essen erbetteln, und zudem war er
barfuß.
Trotzdem hatte er
die Gewohnheit, um nicht dem Müßiggang zu verfallen, jedes Mal, wenn er an
einen Ort kam, wo er essen oder Halt machen wollte, sich ein Bündel Holz auf
die Schultern zu laden und damit sofort zum Krankenhaus zu gehen, wenn es ein
solches gab, um es den Armen zu stiften. Dann ging er sich das Wenige zu
erbetteln, das er zu seinem Lebensunterhalt brauchte.
Kaum war er in
Guadalupe eingetroffen, betrat er kniend die Kirche und mit großem Zutrauen und
mit Tränen in den Augen legte er dem Herrn seine Nöte dar und dankte ihm für
alles, was er empfangen hatte. Dann beichtete er und empfing die Kommunion. So
verblieb er mehrere Tage, ganz dem Gebet hingegeben, bis ihm die Zeit zur
Rückkehr gekommen zu sein schien.
XI.
Kapitel
JOHANNES
VON GOTT KEHRT AUF DEN RAT
VON
MEISTER AVILA NACH GRANADA ZURÜCK
Nach Abschluss seiner Pilgerreise machte
sich Johannes auf den Rückweg nach Granada. Als er in Baeza
eintraf, erfuhr er, dass sein guter Meister, Pater Avila, sich gerade dort zum
Predigen aufhielt, wie er es auch in anderen Städten und Dörfern zu tun
pflegte. Kaum hatte er dies erfahren, ging er ihn sofort besuchen und setzte
ihn von seiner Pilgerreise in Kenntnis. Pater Avila empfing ihn mit großer
Freude. Nachdem er einige Tage bei ihm verbracht hatte, bat er ihn zum Schluss
um Rat, was er tun solle. Darauf antwortete dieser: „Bruder Johannes, kehrt
nach Granada zurück, wo ihr vom Herrn gerufen wurdet. Er, der eure Absicht und
euer Verlangen kennt, wird euch den Weg zeigen, auf dem ihr ihm dienen sollt.
Haltet ihn bei allem, was ihr tut, stets vor Augen und bedenkt, dass er auf
euch blickt, und handelt stets wie in der Gegenwart eines so großen Herrn.
Sobald ihr in Granada ankommt, sucht euch sofort einen Beichtvater,
der so ist, wie ich es euch gesagt habe, und der euer geistlicher Vater sein
soll. Ohne dessen Rat sollt ihr nichts Wichtiges unternehmen. Solltet ihr dann
in irgendeiner Sache meinen Rat brauchen, dann schreibt mir, wo immer ich mich
auch aufhalte, und ich werde mit der Hilfe unseres Herrn alles für euch tun,
wozu die Liebe mich verpflichtet.“ So verabschiedete sich Johannes von Gott von
seinem Meister und machte sich auf den Weg nach Granada. Als er am Morgen in
der Stadt ankam, besuchte er zunächst die heilige Messe. Dann begab er sich auf
den Berg, um ein Bündel Holz zu sammeln. Als er damit zurückkehrte, schämte er
sich so sehr, die Stadt damit zu betreten, dass er es nicht einmal fertig
brachte, durch das Mühlentor zu gehen, das noch ziemlich weit vom Verkehr der
Stadt entfernt ist. Und so gab er es einer armen Witwe, die es zu brauchen
schien.
Am nächsten Tag
stand er, voller Scham über die Feigheit des Vortages, frühmorgens auf und
kehrte nach dem Besuch der Messe auf den Berg zurück, um wieder ein Bündel Holz
zu sammeln. Als er damit in die Stadt kam, überkam ihn erneut dieselbe Scham
wie am Vortag. Also begann er, indem er sich Mut zusprach und zum Weitergehen
zwang, seinem Leib wie folgt zuzureden: „Nun, Herr Esel, der ihr Granada nicht
mit dem Holz betreten wollt, weil ihr euch schämt und eure Ehre nicht verlieren
wollt, jetzt sollt ihr sie verlieren und werdet das Holz bis zum Hauptplatz
tragen, damit euch ja alle, die euch kennen, sehen und erkennen können. Das
wird euch helfen, den Stolz und Hochmut abzulegen, den ihr habt.“ Und so ging
Johannes bis zum Platz. Da man ihn seit der Zeit seiner Geisteskrankheit nicht
mehr gesehen hatte, waren die Leute, als sie ihn mit dem Holzbündel erblickten,
recht erstaunt. und scharten sich zahlreich um ihn. Einige, die gern lachten
und spotteten, riefen ihm zu: „Was ist los, Bruder Johannes, seid ihr jetzt Holzfäller
geworden? Was habt ihr im Königlichen Hospital mit den Wärtern erlebt? Niemand
kann euch begreifen, denn täglich ändert ihr euren Beruf und eure Lebensweise.“
Und so und mit anderen Worten machten sich die jungen Nichtstuer über ihn
lustig.
Er ließ alles
frohgemut über sich ergehen, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, ja er
lächelte sogar und gab ihnen, um an ihrem Spaß teilzunehmen und seinen Gewinn
nicht einzubüßen, zur Antwort: „Brüder, das ist das Spiel des Taschenspielers,
drei Galeeren und ein Schiff: Je mehr ihr seht, desto weniger werdet ihr
verstehen.“
Mit diesen und
ähnlichen feinen Wortspielen antwortete er freundlich allen, die ihn über sein
Leben ausfragten, und verbarg so die Gnade, die er vom Herrn empfangen hatte.
Er freute sich, dass man ihn für einen Taugenichts ohne Wert hielt und das
gelang ihm gut, denn das Volk war weiterhin der Ansicht, dass das, was sie ihn
tun sahen, eine Folge der Verrücktheit sei, bis sie dann endlich erkannten,
welch große Frucht und welch guten Wein jener Same, der vergraben und vermodert
war, hervorbrachte.
Es vergingen einige
Tage, an denen er sich damit beschäftigte, Holz vom Berg herunterzuschaffen.
Auf diese Weise besorgte er sich seinen Lebensunterhalt. Was ihm übrig blieb,
verteilte er an die Armen, die er nachts, frierend und ohne Kleidung, über und
über mit Wunden bedeckt und krank, auf dem Boden unter den Lauben liegend
antraf. Als er sah, wie viele es waren, wurde er von Mitleid ergriffen und
beschloss, ihnen mit noch größerer Entschiedenheit Hilfe zu verschaffen.
XII.
Kapitel
DAS
ERSTE HOSPITAL VON JOHANNES VON GOTT
Von dem Entschluss beseelt, den Armen
wirklich Trost und Hilfe zu verschaffen, sprach Johannes von Gott mit einigen
frommen Personen, die ihm während seiner Leidenszeit geholfen hatten. Mit ihrer
Unterstützung und ihrem Wohlwollen gelang es ihm, ein Haus am städtischen
Fischmarkt in der Nähe des Bibarrambla-Platzes
zu mieten. Dort und in anderen Stadtteilen las er die Armen, die verwahrlost,
krank und verkrüppelt auf den Straßen dahinvegetierten, auf, so viele er fand.
Dann kaufte er einige Strohmatten und alte Decken, auf denen sie schlafen
konnten - denn zu mehr als dieser Hilfe reichte sein Geld nicht - und sagte zu
ihnen: „Brüder, sagt dem Herrn von ganzem Herzen Dank, denn er hat diese ganze
Zeit auf euch gewartet, damit ihr Buße tut. Befragt euch, worin ihr ihn
beleidigt habt, denn ich will euch einen Seelenarzt bringen, der eure Seelen
heilen soll; für den Leib wird dann die Arznei nicht fehlen. Habt Vertrauen zum
Herrn, denn er wird für alles sorgen, wie er es für die zu tun pflegt, die von
sich aus das Ihrige beitragen.“
Sodann ging er weg
und brachte ihnen einen Priester, bei dem er sie alle beichten hieß. Angesichts
seiner großen Liebe ging nämlich jeder Priester, an den er sich wandte, gern
mit ihm, um dieses gute Werk zu tun.
Danach ging er
beherzt durch alle Straßen, wobei er mit großer Anstrengung einen mächtigen
Korb auf seinen Schultern und zwei Töpfe in den Händen trug, die mit Schnüren
befestigt waren, und rief unentwegt mit lauter Stimme: „Wer tut sich selbst
Gutes? Tuet Gutes aus Liebe zu Gott, meine Brüder in Jesus Christus!“
Da er anfangs am
Abend ausging, manchmal wenn es regnete, und zu der Zeit, wenn die Leute in
ihren Häusern versammelt waren, beugten sich die Menschen verwundert über
diesen neuen Bettelruf aus Türen und Fenstern. Es schien, als ob Johannes mit
seiner mitleiderregenden Stimme und der Kraft, die der Herr ihm verlieh, das
Herz aller Menschen anrührte. Außerdem waren sie alle tief betroffen von seiner
schwachen, erschöpften Gestalt und von der Strenge seines Lebens, so dass ihm
alle mit ihren Gaben, jeder nach seinen Möglichkeiten, entgegengingen und ihn
mit großer Liebe und Hilfsbereitschaft beschenkten. Manche gaben Geld, manche ein
Stück Brot oder ein ganzes Brot, andere gaben den Rest ihrer Mahlzeit, Fleisch
und andere Dinge, indem sie es in die Töpfe legten, die er zu diesem Zwecke mit
sich trug.
Wenn er sah, dass
er genügend Almosen hatte, eilte er sofort zu seinen Armen zurück und rief noch
an der Tür aus: „Gottes Gruß und Segen, Brüder! Betet zum Herrn für alle, die
euch Gutes getan haben!“
Dann wärmte er, was
er gebracht hatte, und verteilte es an alle. Wenn sie gegessen und für die
Wohltäter gebetet hatten, spülte er allein die Teller und das Geschirr ab,
reinigte die Töpfe, fegte und putzte das Haus und holte unter großer
Anstrengung in zwei Krügen Wasser vom Brunnen. Denn da die Erinnerung daran,
dass man Johannes für verrückt gehalten hatte, noch frisch war, und er immer noch
einen bedauerlichen Eindruck machte, scheute man seine Gesellschaft und wollte
ihm niemand helfen. So leistete er die ganze Arbeit allein, bis die Menschen
ihn als das erkannten, was er war.
Da Johannes den
Armen mit großer Liebe diente, kamen viele zu ihm. Da das Haus klein und die
Zahl der Menschen groß war, reichte der Platz nicht für alle, die angezogen von
seinem Ruf herbeiströmten oder die er selbst liebevoll auf den Straßen
aufsuchte und zum Kommen einlud; denn viele konnten trotz ihrer Bitten in den
anderen Hospitälern keine Aufnahme finden.
Angesichts dieser
Not mietete er noch ein größeres und geräumigeres Haus.
Dorthin brachte er auf seinen Schultern alle gehunfähigen Kranken und Armen
ebenso wie die Liegen, auf denen sie und die Pilger schliefen. Hier konnte er
für mehr Ordnung und Harmonie sorgen und sogar ein paar Betten für die
Kränksten aufstellen. Außerdem stellte ihm unser Herr hier einige
Krankenpfleger zur Seite, die ihm bei der Vorsorgung der Kranken halfen,
während er fortging, um für sie Almosen und Arzneien zu erbetteln.
In dem Maß, in dem
die Nächstenliebe in Johannes von Gott wuchs, wuchsen und vermehrten sich auch
die Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände in seinem Haus Gottes; denn jetzt
erkannten die Menschen, was da vor sich ging, und viele wichtige und
hochgeachtete Personen aus Granada und der Umgebung begannen ihn
hochzuschätzen, sahen sie doch, dass das, was er tat, Bestand und Ordnung hatte
und er immer mehr vom Guten zum Besseren fortschritt.
Und als sie sahen,
dass er nicht nur Pilger und verwahrloste Menschen aufnahm, wie er dies am
Anfang getan hatte, sondern dass er auch Betten zur Pflege von Kranken
aufgestellt hatte, begannen alle, großes Vertrauen zu ihm zu haben. Sie gaben
ihm alles, was er für seine Armen brauchte, ja vertrauten ihm größere Almosen
als gewöhnlich an und schenkten ihm Decken, Betttücher, Matratzen,
Kleidungsstücke und vieles mehr.
Bald kamen Arme und
Bedürftige aus allen Bevölkerungsschichten zu ihm, um ihn um Hilfe zu bitten:
achtbare Witwen und Waisen, die sich heimlich an ihn wandten, Personen, die in
Rechtsstreitigkeiten verwickelt waren, versprengte Soldaten, ebenso wie veramte
Bauern, deren Zahl immer größer wurde, da das Jahr karg war und nur eine
spärliche Ernte erbrachte. Er half allen entsprechend ihren Nöten und schickte
keinen ungetröstet weg. Denjenigen, denen er helfen konnte, half er sofort und
voller Freude, die anderen tröstete er mit liebevollen und aufmunternden
Worten, indem er ihnen zusprach, Vertrauen zu Gott zu haben. Er wollte nämlich,
dass alle wieder neuen Mut schöpften und das gelang ihm auch. Denn so
wunderlich es sich auch anhören mag: Es kam nie jemand zu ihm, ohne dass ihm
der Herr das Wenige oder Viele zukommen ließ, mit dem er Hilfe leisten konnte.
Damit nicht genug, begann er taktvoll zahlreiche Menschen zu besuchen, die aus
Scham ihre Armut verheimlichten: ledige Mädchen, arme Ordensfrauen und Nonnen
sowie Ehefrauen, die im Verborgenen Not litten. Auch sie versorgte er mit
großer Sorgfalt und Liebe mit dem Notwendigen, indem er für sie wohlhabende
Damen, die dazu in der Lage waren, um Hilfe bat und selbst für sie Brot und
Fleisch, Fisch und Kohlen und alles andere, was für den Lebensunterhalt
notwendig ist, kaufte. Denn sie sollten keinen Anlass haben, auf die Straße zu
gehen, um sich diese Dinge zu verschaffen, sondern in der Zurückgezogenheit
ihres Hauses bleiben und so ihre Tugend und Intaktheit wahren.
Und nachdem
Johannes diesen Frauen das Notwendige für ihr leibliches Wohl verschafft hatte,
besorgte er ihnen, damit sie nicht müßig seien, sondern arbeiteten, um sich
selbst zu helfen und zu kleiden, aus den Häusern der Kaufleute den einen Seide
zum Bearbeiten, den anderen Leinen zum Weben und Wolle. Dann setzte er sich ein
wenig nieder, munterte die Frauen zur Arbeit auf und hielt ihnen eine kurze
geistliche Ansprache, wobei er sie aufforderte, die Tugend zu lieben und das
Laster zu meiden. Dabei bediente er sich bildhafter Darlegungen, die trotz
ihrer Schlichtheit bis heute vielen, die sie gehört haben, im Gedächtnis
geblieben sind, und stellte ihnen in Aussicht, dass sie auf diese Weise, außer
der Gnade des Herrn teilhaftig zu werden, keinen Mangel an dem für das Leben
Notwendigen leiden sollten. Außerdem versprach er den Fleißigsten eine
Belohnung. Auf diese Weise veranlasste und regte er sie zu einem tugendhaften
Leben und zum Dienst des Herrn an.
Bei diesem Werk wie
auch bei allen anderen, denen er sich widmete, fehlte es nicht an missgünstigen
Menschen, denn der Satan gibt nie auf, sei es persönlich oder durch seine
Helfershelfer, gegen diejenigen zu kämpfen, die sich seiner Herrschaft entzogen
haben und in den Dienst des Herrn getreten sind. Einige von diesen Leuten
verhöhnten Johannes von Gott und lästerten hinter vorgehaltener Hand zu den
anderen, dies alles sei lediglich ein Stück Tollheit, die ihm geblieben sei,
seit er sich wie ein Verrückter auf den Straßen von Granada aufgeführt habe,
und würde schon bald wieder zusammenbrechen, weil es keinen festen Grund habe.
Darüber hinaus beobachteten sie ihn misstrauisch. Sie achteten argwöhnisch
darauf, welche Häuser er betrat, erkundigten sich, was er dort tat und sagte;
und spionierten ihm sogar im Verborgenen nach. Als sie dann mit eigenen Augen
sein großartiges Beispiel sowie die Aufrichtigkeit und Heiligkeit seiner Worte
und Taten sahen, waren sie verblüfft und verwirrt und mussten nun schweigen. Ja
manche von ihnen, zollten ihm danach, wenn sie ihm begegneten, sogar Lob und
gaben ihm Almosen. Bei alledem vergaß er nie seine Armen, denn ihnen galt seine
Hauptsorge. Er tröstete sie mit Worten und versorgte sie mit dem Notwendigen,
bevor er am Morgen das Haus verließ. Er ging erst weg, nachdem er genaue
Anordnungen gegeben hatte, wie jeder seine Pflicht gegen sie erfüllen sollte,
und sicher sein konnte, dass seine Gefährten, die er inzwischen zu diesem Zweck
bei sich hatte, dies ordnungsgemäß ausführen würden. Dann ging er Almosen
betteln bis zehn oder elf Uhr nachts.
XIII.
Kapitel
ANDERE
WERKE,
IN
DENEN SICH DER DIENER GOTTES ÜBTE
Bruder Johannes von Gott war ein großer
Verehrer des Leidens unseres Herrn Jesus Christus; denn da dies die Hauptquelle
für unser Heil ist, hatte er in ihm großen Nutzen und Trost gefunden.
Da er nun von dem
Wunsch beseelt war, die Hilfe, die er erfahren hatte, aus Liebe zu Gott auch
seinem Nächsten zu bringen, machte er es sich zur Angewohnheit, am Freitag, dem
Tag, an dem unsere Erlösung erwirkt wurde, in das Freudenhaus zu gehen, um zu
sehen, ob es ihm gelinge, eine Seele aus den Krallen des Teufels zu befreien,
in denen sich diese Frauen unwiederbringlich zu befinden scheinen. Kaum war er
eingetreten, ging er zu derjenigen, die ihm am verworfensten schien und die am
wenigsten daran dachte, von dort wegzugehen, und sagte zu ihr: „Meine Tochter,
ich gebe dir soviel, wie dir auch ein anderer geben würde, ja sogar noch mehr.
Ich bitte dich nur, mir in deinem Zimmer ein wenig zuzuhören.“
Nachdem sie das
Zimmer betreten hatten, hieß er die Frau niedersitzen, während er selbst sich
auf dem Boden vor einem kleinen Kreuz hinkniete, das er zu diesem Zweck bei
sich trug. Dann begann er sich seiner Sünden anzuklagen, weinte bitterlich und
bat unseren Herrn mit solcher Gefühlstiefe um Vergebung, dass er auch bei ihr
Reue und Schmerz über ihre Verfehlungen erweckte. Dank dieser Fähigkeit gelang
es ihm, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, so dass sie ihm zuhörte, und er
begann, die Leidensgeschichte Christi zu erzählen, und zwar mit solcher
Andacht, dass er sie zu Tränen rührte.
Danach sagte er zu
ihr: „Schau, meine Schwester, wie viel du unserem Herrn gekostet hast, sieh,
was er für dich erlitten hat! Sei nicht weiterhin selbst die Ursache deines
Verderbens! Denke an den ewigen Lohn, den der Herr für die Guten bereithält,
und an die ewige Strafe, die jene erwartet, die wie du in Sünde leben. Fordere
ihn nicht noch mehr heraus, denn sonst wird er dich, wie es deine Sünden
verdienen würden, vollends verlassen und du wirst wie ein harter und schwerer
Stein in die Tiefe der Hölle stürzen!“
Solche Dinge und
ähnliche gab ihm der Herr ein. Und wenn auch einige Frauen, die ob ihrer Laster
verhärtet waren, sich nicht darum kümmerten, so empfanden doch andere mit der
Hilfe Gottes Reue und zeigten sich bußfertig. Sie sagten zu ihm: „Bruder, Gott
weiß, wie gerne ich mit euch ginge und den Armen im Krankenhaus dienen würde,
aber ich habe mich hier verpflichtet und man wird mich nicht mit euch weggehen
lassen.“
Darauf erwiderte er
hocherfreut: „Meine Tochter, hab Vertrauen zum Herrn, denn er hat deine Seele
erleuchtet und wird auch für dein leibliches Wohl sorgen. Denke daran, wie
reich du beschenkt wirst, wenn du ihm dienst und ihn nicht mehr beleidigst, und
fasse den festen Beschluss, lieber zu sterben als erneut der Sünde zu
verfallen. Und nun warte auf mich, ich komme sofort wieder zurück.“
Dann ging er eilends
zu den angesehenen Damen der Stadt, die er kannte und von deren
Hilfsbereitschaft er wusste, und sagte zu ihnen: „Meine Schwestern in Jesus
Christus, wisset, dass es eine Sklavin gibt, die in der Gewalt des Satans ist.
Helft mir um der Liebe Gottes willen, sie zu befreien. Erlösen wir sie aus
dieser beschämenden Sklaverei!“
Die Personen, an
die er sich mit solchen Notfällen wandte, waren Menschen, die sich so sehr der
Nächstenliebe verpflichtet fühlten, dass er selten einmal wegging, ohne ihre
Hilfe empfangen zu haben.
Wenn er einmal
nicht die nötige Hilfe fand, stellte er eine Empfangsbestätigung aus und
verpflichtete sich, die Schulden für die jeweilige Frau, die er von ihrem Herrn
wegführte, zu begleichen.
Er brachte sie
sofort in das Krankenhaus und führte sie in die Abteilung, wo andere Frauen,
die denselben Lebenswandel wie sie geführt hatten, gepflegt wurden. Denn er
wollte, dass sie sahen, welchen Lohn die Welt ihresgleichen gab und welche
Vergeltung diejenigen erwartet, die in diesem Gewerbe verbleiben. Manche hatten
einen Kopf, der von Wundfäulnis schrecklich entstellt war und von dem man
bereits Knochenstücke abtrennen musste. Bei anderen waren sonstige Körperteile
zerfressen; diesen wurden mit einem Brennmittel und unter heftigsten Schmerzen
Teile des Körpers entfernt, so dass sie hässlich und ekelerregend aussahen.
Danach versuchte er
herauszubringen, wohin die Absicht jeder einzelnen neigte.
Denn manche von den
Frauen, denen unser Herr eine größere Einsicht gab, wollten angesichts ihrer
bisherigen Haltung sich von der Welt zurückziehen, um Buße zu tun. Diese
brachte er in das Kloster der Klausurschwestern und versorgte sie mit dem
Nötigsten. Anderen, die dafür nicht die Voraussetzungen hatten und zur Ehe
neigten, verschaffte er eine Mitgift und einen Ehemann und verheiratete sie. Er
verheiratete so viele, dass er das erste Mal, als er sich an den Hof begab, mit
den dort gesammelten Almosen auf einem Schlag sechzehn trauen ließ, wie noch
heute einige von den Betroffenen bezeugen, die inzwischen Witwen sind und in
Ehren gelebt haben und leben.
Bei der Ausübung
dieser Werke der Nächstenliebe musste Johannes von Gott auch viele Demütigungen
und Leiden über sich ergehen lassen. Dabei zeigte er deutlich die große, ja
heroische Geduld, welche unser Herr in seine Seele gelegt hatte.
Die meisten dieser
Frauen werden nämlich durch ihren sündhaften Lebenswandel so unzugänglich,
zerrüttet und unbelehrbar, dass viele Diener Gottes aus diesem Grund darauf
verzichten, sich mit ihnen zu beschäftigen, obwohl ihnen ihre Verdammnis zu
Herzen geht.
Wenn nun Johannes
eine von diesen Frauen mitnehmen wollte, begannen die anderen zu schreien, ihn
zu beschimpfen und mit Beleidigungen und Verleumdungen zu überschütten, indem
sie behaupteten, dass er dies in schlechter Absicht tue. Er erwiderte darauf
jedoch kein Wort, sondern ertrug es mit großer Geduld, ohne Böses mit Bösem zu
vergelten. Im Gegenteil, wenn jemand diese Frauen zurechtwies und sagte: „Warum
seid ihr so boshaft und gemein zu dem, der euch soviel Gutes tut?“, dann
antwortete er bloß: „Lasst sie, sagt nichts zu ihnen, nehmt mir nicht meine
Krone. Denn diese Frauen kennen mich und wissen, wer ich bin. Deshalb behandeln
sie mich, wie ich es verdiene.“
Hier ist eine
Begebenheit zu erwähnen, die uns ob ihrer Einmaligkeit und Denkwürdigkeit wohl
mehr in Erstaunen versetzen als zur Nachahmung anregen wird. Dieser Vorfall
lässt insbesondere seine glühende Liebe für das Heil der Seelen erkennen, von
denen er wusste, dass sie nur um einen hohen Preis gewonnen werden konnten.
Eines Tages begab
er sich wieder in das Freudenhaus und überredete einige Frauen dazu, ihr
schlechtes Leben aufzugeben. Vier von ihnen gingen auf sein Angebot ein und,
indem sie vorgaben, dass sie für die Vergangenheit sühnen wollten, sagten sie
zu ihm, er müsse sie unbedingt in ihre Heimatstadt Toledo bringen, weil sie
dort einige wichtige Gewissensangelegenheiten in Ordnung bringen müssten.
Andernfalls könnten sie ihr sündhaftes Leben nicht aufgeben. Wenn er sie aber
dorthin brächte, so versprachen sie ihm, würden sie es aufgeben und alles tun,
was er ihnen anordne.
Als Johannes dies
hörte und bedachte, dass er auf diese Weise vier Frauen auf einmal erlösen
konnte, erklärte er sich mit dem Vorschlag einverstanden.
Da er nun einmal
den Entschluss gefasst hatte, die Frauen nach Toledo zu bringen, richtete er
die Reittiere und, was sonst noch nötig war, her und reiste – er selbst zu Fuß
– zusammen mit ihnen ab. Dabei nahm er einen Mitarbeiter des Hospitals namens
Johannes von Avila
mit, der ein umsichtiger und anständigen Mensch war und erst vor wenigen Tagen
gestorben ist, nachdem er viele Jahre lang zur besten Zufriedenheit im Haus
gearbeitet hatte. Er ist es, der mir bezeugte, was sich auf jener Reise zutrug.
Während sie mit
diesen Frauen unterwegs waren, machten sich die Wanderer und die Leute, die
ihnen begegneten, als sie zwei Männer in diesem Gewand mit vier solchen Frauen
zusammen sahen, über sie lustig, verhöhnten sie, pfiffen sie aus und
überschütteten sie mit Beleidigungen. Sie unterstellten ihnen, dass sie ein
Verhältnis mit diesen Frauen hätten, und manch anderes mehr.
Johannes von Gott
schwieg nur dazu und ertrug alles mit großer Geduld, auch als jener Johannes
von Avila ihm, erzürnt über das, was er sich da anhören musste, Vorwürfe machte
und ihn fragte, was für einen Sinn denn diese Reise mit diesem verworfenen
Gesindel habe, auf der sie so viele Beleidigungen ertragen müssten. Besonders
empörte ihn schließlich, als er mit ansehen musste, wie eine von den Frauen bei
der Durchreise durch Almagro
einfach dort blieb und zwei andere, kaum waren sie in Toledo angekommen,
fluchtartig verschwanden.
Da schimpfte der
Diener noch mehr und sprach: „Auf was für einen Unsinn haben wir uns da
eingelassen! Habe ich euch nicht gesagt, dass von diesem Gesindel nichts
anderes zu erwarten war? Lasst sie doch und kehren wir wieder nach Hause
zurück, denn diese Leute sind doch alle aus demselben Holz geschnitzt.“
Er antwortete
darauf mit Engelsgeduld: „Bruder Johannes, du bedenkst nicht, dass du, wenn du
um vier Ladungen Fische nach Motril
gereist wärst und auf der Rückreise drei verdorben wären und nur eine Ladung
heil geblieben wäre, dass du dann auch nicht die gute Ladung samt den drei
schlechten weggeworfen hättest. Nun gut, von den vier Frauen, die wir begleitet
haben, bleibt uns eine, die guten Willen zeigt. Hab also Geduld um deines
Lebens willen, und lass uns mit ihr wieder nach Granada zurückkehren. Vertrau
auf Gott, denn wenn uns diese bleibt, dann war unsere Reise weder umsonst noch
unser Gewinn gering.“
Und so war es auch.
Denn die Frau, die unser Herr ihm gewährte, brachte er nach Granada zurück und
verheiratete sie mit einem rechtschaffenen Manne. Sie hat in vorbildhafter
Tugend und Frömmigkeit gelebt und lebt noch heute in Zurückgezogenheit als
ehrbare Witwe. Sie hat ein so lobenswertes Leben geführt und ein solch gutes
christliches Beispiel gegeben, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass
unser Herr sie auf diesem geheimnisvollen Wege zu sich führen wollte, damit sie
ihn erkenne.
XIV.
Kapitel
DIE
GROSSE NÄCHSTENLIEBE
DES
BRUDERS JOHANNES VON GOTT
Die Nächstenliebe,
mit der unser Herr seinen Diener beschenkt hatte, war so groß und überfließend,
und die Werke, die daraus hervorgingen, so einzigartig, dass manche Menschen,
die ihn eitlen Sinnes beurteilten, ihn für einen großen Verschwender hielten.
Diese Menschen verstanden nicht, dass unser Herr ihn in den Weinkeller gestellt
und dort mit seiner Liebe gezeichnet hatte.
Tatsächlich war Johannes so betrunken von der Liebe Gottes, dass er nichts
verweigern konnte, worum er in ihrem Namen gebeten wurde. Das ging so weit,
dass er oft, wenn er nichts anderes mehr hatte, sein armseliges Gewand hergab,
mit dem er bekleidet war, und er nackt blieb; denn er war grenzenlos barmherzig
zu allen anderen, aber unbarmherzig streng zu sich selbst.
In Anbetracht des
Vielen, das er vom Herrn empfangen hatte, erschien ihm alles, was er tat und
gab, als wenig und er fühlte, dass er immer noch und immer mehr schulde. So
lebte er mit der den Heiligen eigenen Unruhe, sich auf tausendfache Weise für
den hinzugeben, der so hochherzig und freigiebig zu ihm gewesen war. Die
Menschen des Geistes haben in der Tat diese Besonderheit, dass sie sich
angesichts der geistlichen Güter, mit denen sie beschenkt wurden, in solchem
Reichtum und Überfluss empfinden, dass sie glauben, sie müssten immer allen
geben. Deswegen ist Geben für sie immer etwas Schönes, doch sie selbst möchten
nie etwas empfangen.
Johannes widmete
sich den ganzen Tag mannigfachen Werken der Nächstenliebe, und wenn er am Abend
nach Hause kam, ging er, so müde er auch war, niemals schlafen, ohne vorher
alle Kranken, einen nach dem anderen, zu besuchen und sie zu fragen, wie sie
den Tag verbracht hätten, wie es ihnen gehe und was sie bräuchten, wobei er sie
mit herzlichen und liebevollen Worten an Leib und Seele aufrichtete. Dann ging
er durch das Haus und kümmerte sich um die verschämten Armen,
die auf ihn warteten, und versorgte sie mit dem Notwendigen. Nie schickte er
jemand ohne Trost fort.
Allen gab er
Almosen, wobei er auf nichts anderes achtete, als dass sie ihn um der Liebe
Gottes willen darum baten.
Einige warnten ihn:
„Gebt Acht! Jener bettelt ohne Not.“ Johannes antwortete: „Er täuscht nicht
mich. Möge er ruhig an sich selbst denken! Ich gebe ihm aus Liebe zu Gott.“
Wenn er einmal
nichts zu geben hatte – denn es kam vor, dass er sich in eine Decke hüllen
musste, weil er sogar sein Gewand verschenkt hatte -, dann gab er, um nicht
nein sagen zu müssen, wenn man ihn um Hilfe bat, den Betreffenden einen Brief
an einen Herrn oder an eine fromme Person mit, damit diese sich der jeweiligen
Not annähmen.
Hier verdient eine
Begebenheit Erwähnung. Als sich eines Tages der Marquis von Tarifa, Don Pedro
Enriquez, in Granada
aufhielt, begab sich Johannes von Gott in sein Haus, um Almosen zu erbetteln.
Der Marquis saß gerade mit anderen Herrn beim Spiel. Sie gaben ihm 25 Dukaten.
Als es nun Nacht geworden war, kehrte Johannes mit dem empfangenen Geld in das
Hospital zurück.
Der Marquis hatte
viel von der großen Nächstenliebe von Johannes reden gehört. Da er diese nun
auf schelmische Weise auf die Probe stellen wollte, verkleidete er sich –
Johannes von Gott hatte ihn nämlich nur dieses eine Mal gesehen -, ging ihm
entgegen und sprach zu ihm, indem er sich vor ihn stellte: „Bruder Johannes,
ich bin ein vornehmer Herr, aber arm und fremd hier. Ich halte mich hier wegen
eines Prozesses auf und bin in großer Not, um meine Ehre zu wahren. Ich weiß
von eurer Nächstenliebe, deshalb bitte ich euch, helft mir und bewahrt mich
davor, eine Beleidigung gegen Gott zu begehen.“ Bruder Johannes, der die feinen
Umgangsformen des Mannes bemerkt hatte, erwiderte, nachdem er seine Worte
vernommen hatte: „Ich schenke mich Gott“ – denn so pflegte er zu sprechen -,
„ich gebe euch das, was ich bei mir habe.“
Darauf steckte er
seine Hand in die Tasche und gab ihm die 25 Dukaten, die sie ihm, wie erwähnt,
geschenkt hatten.
Der Marquis nahm
sie, bedankte sich und ging fort. Voller Bewunderung kehrte er zu den anderen
Herren zurück und erzählte ihnen die Begebenheit. Da waren alle voll des Lobes
über das Verhalten von Johannes und wunderten sich über eine solche
Nächstenliebe. Obwohl Johannes nämlich für so viele Armen zu sorgen hatte, war
er so freigebig zu einem einzigen gewesen, indem er auf die göttliche Vorsehung
vertraute. Und sein Vertrauen wurde in der Tat nicht enttäuscht. Denn der
Marquis schickte voller Betroffenheit über das, was er erlebt hatte, am
folgenden Morgen einen Boten zu Johannes und ließ ihm ausrichten, er möge das
Haus nicht verlassen, da er das Hospital besichtigen kommen wolle. Einmal dort,
begann er mit ihm zu scherzen und sagte: „Stimmt es, Bruder Johannes, wie mir
erzählt wurde, dass man euch gestern nacht beraubt hat?“
Johannes
antwortete: „Ich schenke mich Gott: Also hat man mich nicht beraubt.“ Nachdem
sie sich lachend und scherzend eine Weile unterhalten hatten, sagte der Marquis
schließlich: „Nun gut, Bruder, damit ihr den Diebstahl, den ihr erlitten habt,
nicht leugnen könnt, hat Gott die Beute in meine Hände geraten lassen. Hier
sind eure 25 Dukaten, dazu gebe ich euch noch 150 Goldmünzen. Seid ein anderes
Mal vorsichtiger!“
Dann ließ er ihm
noch 150 Laib Brot, 4 Schafe und 8 Hühner bringen und ordnete an, dass ihm
dieselbe Menge, solange er sich in Granada aufhalte, jeden Tag geliefert werde.
Danach ging er, zutiefst beeindruckt von der großen Masse der Armen, die im
Hospital von Johannes Liebe und Hilfe erfuhren.
Bei einer anderen
Gelegenheit bewies Johannes seine große Liebe, indem er sein Leben für die
Brüder aufs Spiel setzte.
Eines Tages brach
im Königlichen Hospital von Granada, das von den katholischen Königen Ferdinand
und Isabella gestiftet worden war, Feuer aus und zwar so unerwartet und mit
solch rasender Gewalt, dass der größte Teil des Hauses ein Raub der Flammen
wurde.
Kaum hatte sich die Kunde verbreitet, eilte Johannes von Gott herbei, um den
Armen, die dort betreut wurden, Hilfe zu bringen. Da er sofort die große Gefahr
erkannte, in der sie schwebten, handelte er unverzüglich und brachte praktisch
allein alle Armen, die sich im Hospital befanden, Männer und Frauen, auf seinen
Schultern in Sicherheit. Dann warf er mit beinahe übermenschlicher
Geschwindigkeit alle Betten und alle Gegenstände, die er fand, aus den
Fenstern. Nachdem er die Armen in Sicherheit gebracht hatte, stieg er in die
oberen Stockwerke, wo die Gefahr am größten war, um bei den Löscharbeiten zu
helfen. Dabei wurde er von den Flammen, die auf beiden Seiten emporschossen,
umzingelt. Vor den Augen der großen Menschenansammlung, die ihm von unten
zuschauten, erhob sich plötzlich so dichter Rauch, dass alle fest der Meinung
waren, er sei bei lebendigem Leib im Feuer verbrannt. So ging durch die ganze
Stadt das Gerücht, Johannes von Gott habe den Tod in den Flammen gefunden.
Kurz danach aber,
als keiner mehr damit rechnete, sahen sie ihn unversehrt und unverletzt aus dem
Haus kommen. Er hatte nur die Augenbrauen versengt, obwohl er doch mitten durch
die Flammen durchgegangen war, zum Zeugnis des Wunders, das der Herr für ihn
gewirkt hatte.
Diese Begebenheit
wurde bezeugt vom Bürgermeister
der Stadt, der damals im Amt war und das Ganze selbst miterlebte, sowie von
vielen anderen angesehenen Personen, die anwesend waren. Und von ähnlichen
Werken, die im Verlauf seines Lebens geschahen, könnte man noch viele
berichten, aber wegen der Kürze müssen wir hier auf sie verzichten. Nur soviel
sei gesagt: Wer immer auch sein Hospital betrat, konnte deutlich die
beispiellose Nächstenliebe dieses Menschen erleben.
Er konnte in der
Tat sehen, dass in diesem Haus Arme mit den verschiedensten Krankheiten, Männer
wie Frauen, betreut wurden, ohne dass jemals irgendjemand abgewiesen wurde, wie
dies bis heute praktiziert wird. Man sah dort Menschen, die vom Fieber geplagt
waren, mit Beulen und Geschwüren bedeckt waren, Verstümmelte, unheilbar Kranke,
Verwundete, Verstoßene, Kinder, die vom Schorf befallen waren – deren Johannes
viele aufziehen ließ, die an der Pforte ausgesetzt wurden -, Geisteskranke und
Beschränkte, um ganz zu schweigen von den vielen Studenten und verschämten
Armen, die er in ihren Wohnstätten aufsuchte und unterstützte, wie bereits
erwähnt worden ist.
Eine große Hilfe
für viele Menschen schuf er außerdem dadurch, dass er einen eigenen Raum mit
einer Feuerstelle einrichtete; wo während der Nacht Bettler und Pilger eine
Schlafstätte und Schutz vor der Kälte finden konnten. Dieser Raum war so groß
und klug verteilt, dass darin bequem mehr als 200 Arme Platz fanden. Alle
genossen dort die Wärme des Ofens, der in der Mitte stand. Außerdem standen für
alle einfache Schlafgelegenheiten zur Verfügung: manche schliefen auf
Matratzen, andere auf Flechtwerk und wieder andere auf Strohmatten, je nach
Bedarf, so wie man es heute noch in seinem Hospital macht.
Auf diese Weise
vermied er, außer diesen Menschen zu helfen, viele Beleidigungen unseres Herrn.
Denn indem er sie von den Plätzen wegholte, verhinderte er, dass Männer und
Frauen zusammen die Nacht verbrachten. Einige nahm er sogar mit Gewalt mit und
trennte die Frauen. Und so reinigte er die öffentlichen Plätze von diesen
Leuten.
XV.
Kapitel
SEINE
SANFTMUT UND SEINE GROSSE BESCHEIDENHEIT
Die Sanftmut, welche die Soldaten Christi
krönt und adelt, beherrschte das Herz dieses Heiligen so sehr, dass ihn trotz
aller Widerwärtigkeiten, die ihm widerfuhren, nie jemand die Fassung verlieren
sah oder ein zorniges Wort aus seinem Munde kommen hörte. Selbst angesichts der
größten Beleidigungen und Angriffe blieb er stets ruhig und gelassen wie eben
ein Mensch, der keinen anderen Willen hat als den unseres Herrn Jesus Christus,
denn in seinem Kreuz sah er seinen einzigen Ruhm, wie man bei vielen
Vorkommnissen sah, von denen wir nur einige berichten wollen.
Während Johannes
eines Morgens auf der Suche nach Nahrung für seine Armen die Gomeles-Straße
hinunterging, ging ein vornehmer Herr in entgegengesetzter Richtung hinauf. Da
nun die Leute zu dieser Zeit in der Stadt sehr zahlreich waren, besonders
diejenigen, die auf dieser Straße von der Alhambra heruntergingen, stieß
Johannes, ohne es zu merken, mit seinem Korb an diesen Herrn an und riss ihm
dabei den Mantel von den Schultern. Der Mann drehte sich voll Zorn um und
herrschte ihn an: „Du Tollpatsch! Kannst du nicht aufpassen, wo du hingehst?“
Johannes erwiderte
sanftmütig: „Verzeiht mir, Bruder, ich habe nicht gemerkt, was ich angerichtet
habe.“
Als nun der Herr
hörte, dass Johannes ihn mit „Ihr“ anredete und ihn als Bruder bezeichnete, wie
er es mit allen zu tun pflegte, geriet er noch mehr in Zorn, trat an ihn heran
und versetzte ihm eine Ohrfeige.
Johannes von Gott
sagte: „Es war mein Fehler. Deshalb verdiene ich Strafe. Gebt mir noch eine
Ohrfeige!“ Als der Herr hörte, dass Johannes ihn weiterhin mit „Ihr“ anredete,
rief er seinen Dienern zu: „Gebt es diesem ungezogenen Tölpel!“
Da der Vorfall
inzwischen viele Leute angezogen hatte, trat ein angesehener Mann, der in der
Nachbarschaft wohnte – sein Name war Juan de la Torre – aus dem Haus und sagte:
„Was geht hier vor, Johannes von Gott?“
Kaum hatte der
Mann, der ihn beschimpft hatte, seinen Namen gehört, warf er sich zu seinen
Füßen nieder und sagte, er werde nicht eher aufstehen, bevor er ihm nicht die
Füße geküsst habe, und rief: „Das ist der berühmte Johannes von Gott, von dem
man überall spricht?“
Johannes von Gott
richtete ihn vom Boden auf und umarmte ihn. Dann baten sie einander unter
vielen Tränen um Verzeihung.
Der Herr wollte ihn
zum Essen einladen, aber Johannes entschuldigte sich und sagte, er müsse
weitergehen. Darauf schickte ihm der Herr 50 Golddukaten für seine Armen.
Auch bei einer
anderen Gelegenheit bewies Johannes von Gott seine große Sanftmut. Um Almosen
für seine Armen zu erbitten, war er in das alte Haus der Inquisition
eingetreten, wo sich mitten im Hof ein mit Wasser gefülltes Becken befand.
Unversehens näherte sich ihm ein übermütiger Page, gab ihm einen Stoß und warf
ihn in das Becken; denn seit Johannes im Königlichen Hospital gewesen war,
wurde er von manchen Leuten immer noch für verrückt gehalten und
dementsprechend behandelt.
Er stieg, ohne zu
zürnen, aus dem Becken und dankte dem Pagen vergnügt mit Worten und Gebärden
für seine Tat. Alle, die das sahen, waren verwundert und schätzten ihn von nun
an noch mehr.
Eine von den
Frauen, die er aus dem Bordell befreit und verheiratet hatte, war so aufdringlich
und ungeduldig, dass sie jedes Mal, wenn ihr irgendetwas fehlte, sofort zu ihm
lief und es von ihm verlangte. Johannes bemühte sich, ihr jedes Mal das
Gewünschte zu verschaffen und sie in allem zufrieden zu stellen. Eines Tages
nun, als sie wieder einmal zu ihm ging, traf sie ihn in eine Decke gehüllt an;
denn da er sonst nichts zu geben hatte, hatte er sein eigenes Kleid verschenkt.
Also sagte er zu
ihr, dass er im Augenblick nichts habe und sie an einem anderen Tag
wiederkommen solle. Da wurde sie, ungeduldig wie sie war, zornig und begann ihn
unflätig anzuschreien: „Du schlechter Mensch, du Heuchler von einem Heiligen!“
Darauf sagte er: „Da nimm diese zwei Real, dann laufe auf den Platz und sage es
nochmals mit lauter Stimme!“ Da beschimpfte ihn die Frau mit noch lauterer
Stimme. Als er sie in diesem Zustand sah, sprach er: „Früher oder später muss
ich dir doch verzeihen, daher verzeihe ich dir sofort.“
Welch reiche Frucht
seine Sanftmut im Leben der Menschen trug, konnte man am Tag seines Begräbnisses
erleben. Da ging eben diese Frau zusammen mit anderen, die er ebenfalls aus
ihrem sündhaften Leben befreit hatte, durch die Straßen und schrie und weinte,
indem sie sich selbst bitterlich anklagte und Johannes von Gott pries. Sie
bekannte reumütig ihre Schuld und Verfehlungen und erklärte, dass sie sehr
schlecht gewesen sei, aber dank seinem guten Beispiel und seinen frommen
Ermahnungen ihr schlechtes Leben aufgegeben habe. Und ihre Worte waren so
rührend, dass alle weinten.
Johannes war so
bescheiden, dass er stets gern von seiner Unzulänglichkeit, nie aber von seinen
guten Taten sprach oder sonst etwas zu seinem Lobe erwähnte. Er lenkte das
Gespräch immer so, dass es auf seine Verachtung und Demütigung hinauslief, und
bemühte sich, dass es dem Nächsten zur Erbauung diente. Er mied jede Form von
Anmaßung und Überheblichkeit, weil er darin Gift für das geistliche Leben sah.
XVI.
Kapitel
WOHLTÄTER
KAUFEN JOHANNES EIN HAUS,
DAS ALS
HOSPITAL DIENT
Die Zahl der Menschen, die, angezogen vom
Ruf und von der großen Nächstenliebe von Johannes von Gott, herbeiströmten, war
so groß, dass das Haus, das er, wie erwähnt, hatte, sie nicht mehr fassen
konnte.
Deshalb beschlossen
einige angesehene und fromme Leute aus der Stadt, ihm ein Haus zu kaufen, in
dem alle Platz hätten. Sie fanden eines in der Gomeles-Straße, in dem früher
ein Schwesternkloster
gewesen war.
Dorthin brachte
Johannes seine Armen und richtete er sich seine neue Wohnstatt ein. Er ordnete
alles so gut, dass allen Hilfesuchenden die Nächstenliebe mit der gebührenden
Würde und dem gebührenden Anstand erwiesen wurde.
Der Zustrom der
Menschen, die ihn zu sprechen wünschten, war so groß, dass sie oft nicht einmal
stehend Platz finden konnten. Johannes saß in der Mitte und hörte sich geduldig
alle Nöte an, die ihm vorgetragen wurden. Nie schickte er jemand ungetröstet
weg. Für alle hatte er eine Hilfe oder ein gutes Wort. Jeden Tag verließ er
frühmorgens seine Zelle und rief an einer Stelle, von der alle im Haus ihn
hören konnten, mit lauter Stimme: „Brüder, danken wir unserem Herrn, denn auch
die Vöglein danken ihm.“ Dann verrichtete er die vier Gebete.
Dann kam die Reihe
an den Küster, der von einem Fenster, von dem aus alle ihn hören konnten, die
christliche Glaubenslehre vorlas, wobei alle, die dazu in der Lage waren, ihm
antworteten. Gleichzeitig las sie ein anderer im geheizten Raum der Pilger vor.
Bevor dann diese weggingen, ging Johannes zu ihnen hinunter und verteilte unter
denen, die nur dürftig bekleidet waren, das, was die Verstorbenen hinterlassen
hatten. Zu den jungen Leuten aber, die gesund waren, sagte er: „Auf, munter,
Brüder, dienen wir den Armen Jesu Christi!“ Dann ging er mit ihnen in den Wald,
um Holz zu sammeln, und ein jeder trug ein Bündel für die Armen zusammen. Lange
Zeit hatte er solch junge Leute, die freiwillig und mit großer Hingabe sich Tag
für Tag dieser Arbeit des Holzsammelns widmeten.
Die Ausgaben für
das, was er tat, waren so hoch, dass die Almosen, die er in der Stadt bekam,
nicht mehr ausreichten. So kam es, dass er, getrieben von seiner großen
Nächstenliebe, dreihundert und bald vierhundert Dukaten Schulden machte.
Angesichts der
anderen großen Nöte, die es in der Stadt gab, wollte er den Bürgern von Granada
nicht immer zur Last fallen und Tag und Nacht Almosen von ihnen erbitten. Um
sie deshalb eine Zeit lang in Ruhe zu lassen, ging er fort und wandte sich an
einige Herren in Andalusien um Hilfe, die von ihm und seinen guten Werken
gehört hatten; denn sein Ruf war inzwischen bis nach Kastilien gedrungen. Diese
kamen ihm hochherzig zu Hilfe, so dass er seine Schulden begleichen konnte.
Am meisten von
allen Herren in Andalusien und in Kastilien unterstützte ihn der Herzog von
Sessa.
Bereits von früher Jugend an zeigte dieser Edelmann ein besonders offenes Herz
für seine Armen und sein Hospital und befreite ihn wiederholt von allen
Schulden, die er in Granada hatte. Außerdem ließ er ihm zu allen höheren Festen
des Jahres Schuhe und
Hemden für seine Armen geben.
Ebenso handelte
seine herzogliche Gemahlin, die ihm viele Almosen gab und ihn, wann immer es
ihr möglich war, unterstützte. Sie wünschte nur, dass Johannes und seine Armen
sie und ihren Gemahl unserem Herrn anempfahlen und für ihr ewiges Leben und
Tröstung in den Leiden des irdischen Lebens beteten.
Als auch diese
Hilfe nicht mehr ausreichte, beschloss Johannes, getrieben von dem Wunsch,
niemand ohne Hilfe zu lassen und seine Schulden zu bezahlen, sich an den Hof zu
begeben, der damals in Valladolid
residierte, um den König und die großen Herrn um Hilfe zu bitten. In seinem
Hospital ließ er einen seiner Gefährten und Freunde, der ihn auf seinen Reisen
begleitete, namens Anton Martin,
zurück, der bis zu seiner Rückkehr die Armen und das Haus beaufsichtigen
sollte. Kaum war Johannes am Hof angelangt, unterrichteten der Herzog von
Tendilla und andere
Herren, die ihn kannten, den König, berichteten ihm von den Taten von Johannes
von Gott und führten diesen schließlich in den Palast.
Dort wandte sich
Johannes an den König, indem er ihn folgendermaßen ansprach: „Herr, ich bin
gewohnt, alle Brüder in Jesus Christus zu nennen. Ihr seid mein König und mein
Herr, und ich muss euch gehorchen. Wie wollt ihr, dass ich euch nenne?“
Der König
erwiderte: „Johannes, nennt mich, wie es euch beliebt!“
Da er nun damals
noch nicht König, sondern erst Prinz war, sagte Johannes von Gott zu ihm: „Ich
will euch guter Prinz nennen. Gott schenke euch einen glücklichen
Herrschaftsantritt und eine gute Hand, damit ihr recht regieret, und dann ein
gutes Ende, damit ihr euch rettet und den Himmel verdient.“ Und so sprach er
längere Zeit mit ihm.
Darauf ließ ihm der
König Almosen geben. Ebenso handelten seine Schwestern, die Prinzessinnen, die
Johannes täglich besuchte. Von ihnen und ihren Hofdamen erhielt er viele
Juwelen und Almosen, die er unter den Armen und Bedürftigen in Valladolid
verteilte.
Unter den Damen war
auch Frau Maria de Mendoza, die Gattin des Großkomturs Don Francisco de los
Cobos,
der unser Herr, nachdem sie Witwe geworden war, die große Gnade schenkte, ein
sehr vorbildliches Leben zu führen. Sie teilte und teilt noch immer mit großer
Freigiebigkeit ihr beachtliches Vermögen mit den Armen, indem sie Hospitälern
und armen Nonnenklöstern reiche Pfründe zukommen lässt und immer wieder so
große Almosen gibt und sich auch sonst so tugendhaften Werken widmet, dass man
lange davon berichten könnte.
Da diese Frau von
einer so großen Nächstenliebe erfüllt war, gab sie Johannes von Gott in der
ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Valladolid voll Liebe und Herzlichkeit
Unterkunft in ihrem Haus sowie Speise und alles andere Notwendige. Außerdem gab
sie ihm große Almosen, die er den Armen, die heimlich litten, bringen sollte.
Er führte dies aus
und verteilte die Almosen so gut, dass er bald ebenso viele Häuser von armen
Männern und Frauen hatte, denen er Essen bringen musste, wie in Granada. Einige
Bekannte sagten zu ihm, als sie sahen, wie er mit offener Hand die Almosen in
Valladolid verteilte: „Bruder Johannes von Gott, warum hebt ihr das Geld nicht
auf und bringt es euren Armen in Granada?“
Er antwortete:
„Bruder, ob ich es hier oder in Granada verteile, bleibt sich letztendlich
gleich. Worauf es ankommt, ist, Gutes für Gott zu tun und Gott ist überall.“
Nachdem er sich
neun Monate am Hof aufgehalten hatte, kehrte er nach Granada zurück. Mit sich
führte er einige Bankgutscheine, die ihm Frau Maria de Mendoza, der Marchese de
Mondejar und andere Herren gegeben hatten, damit er seine Schulden bezahlen und
für die Armen sorgen konnte.
Auf der Rückreise
musste er viele Unannehmlichkeiten ertragen; denn er durchquerte barfuß lange,
unwegsame Strecken, die mit Gestrüpp bedeckt waren. Seine Füße waren voller
Risse und Sprünge wegen der Steine, an die er immer wieder stieß, sein Körper
voller Abschürfungen.
Johannes trug
nämlich ein raues, dickes Gewand auf dem bloßen Körper ohne Hemd darunter. Als
er ankam, waren sein Gesicht, Hals und Kopf infolge der starken
Sonneneinwirkung verbrannt, denn er ging ohne Kopfbedeckung und war nur von dem
Wunsch beseelt, schnellstmöglich nach Granada zu gelangen, um seine Armen
wiederzusehen und ihre Not zu lindern.
Als er in der Stadt
eintraf, machte sich große Freude und Erleichterung sowohl bei den Einwohnern,
die ihn innig liebten, als auch bei seinen Armen breit, die voll Sehnsucht auf
ihn gewartet hatten, insbesondere die verschämten Armen und die Frauen, die er
verheiratet hatte. Letztgenannte hatten am meisten unter seiner Abwesenheit
gelitten, weil sie keinen anderen Vater noch sonst jemand hatten, der ihnen
half.
Mit dem, was er vom
Hof mitgebracht hatte, gelang es ihm, einen Teil seiner Schulden zu begleichen
und die vielen neuen Nöte zu lindern, die er sah, besonders bei armen Frauen,
die er verheiratete. Trotzdem verblieben ihm mehr als 400 Dukaten Schulden. Um
nämlich den neuen Nöten Herr zu werden, machte er von neuem Schulden, denn sein
Herz ertrug es nicht, einen Armen in Not ohne Hilfe zu lassen.
Aus diesem Grunde
bedrückte ihn ständig der Gedanke, wie er sich von seinen Schulden befreien
könnte. Dies schien aber unmöglich zu sein, denn kaum sah er irgendeine Not,
gab er ohne Bedenken das, was er besaß.
XVII.
Kapitel
SEINE
BUSSFERTIGKEIT UND WIE ER ZU SEINEM ORDENSGEWAND KAM
Schon die gewöhnliche Arbeit, die Johannes
von Gott zur Beschaffung von Almosen und zur Versorgung seiner Armen leistete,
ohne die ständigen Anliegen der Leute und die ständigen Belästigungen zu
erwähnen, stellte eine derart harte Buße und Abtötung dar, dass sie selbst für
einen Menschen, der körperlich gesund und stark gewesen wäre und der es mit den
menschlichen Kräften allein hätte ertragen können, eine kaum erträgliche Last
bedeutet hätte.
Trotzdem begnügte
sich Bruder Johannes von Gott nicht damit, sondern tötete seinen Körper, um ihn
dem Geist gefügig zu machen, noch mit schweren Bußwerken ab, indem er ihm nicht
einmal das Notwendigste zustand.
Er aß wenig und nur
ein einziges Gericht. Wenn er nicht außer Haus war, wo man ihn oft zum eigenen
Trost zum Essen einlud, nahm er immer ganz billige Speisen zu sich. Gewöhnlich
aß er eine gekochte Zwiebel oder andere Speisen, die nur ganz wenig kosteten.
An den Fasttagen aß
er noch weniger und frühstückte überhaupt nicht. Freitags nahm er nur Brot und
Wasser zu sich. An diesem Tag hatte er außerdem die Angewohnheit, sich mit
geknoteten Riemen bis aufs Blut zu geißeln. Diese Übung unterließ er nie, so
müde und erschöpft er auch war.
Er schlief auf
einer einfachen Matte auf dem Boden, wobei ihm ein Stein als Kissen diente, und
deckte sich mit dem Überrest einer alten Decke zu. Manchmal verbrachte er die
Nacht auch in einem ganz engen Raum unter einer Treppe auf einem der
behelfsmäßigen Gefährte, das einem Gelähmten gehört hatte, und deckte sich mit
seinen Sachen zu.
Er ging immer
barfuß sowohl in der Stadt als auch auf all seinen Reisen, das Haupt entblößt
und kahlgeschoren. Er trug kein Hemd noch andere Kleidungsstücke außer einem
Mantel aus grauem, derben Tuch und leinene Hosen.
Er ging immer zu Fuß und bediente sich weder auf Reisen noch sonst wo eines
Reittieres, mochte er auch noch so müde und seine Füße übel zugerichtet sein.
Auch bedeckte er sich, selbst wenn dichter Regen oder Schnee fiel, nie den
Kopf. Dies hielt er so, angefangen von dem Tag, an dem er begann, unserem Herrn
zu dienen, bis zu dem, an dem ihn dieser zu sich rief.
Trotzdem hatte er
großes Mitleid mit den geringsten Leiden seiner Mitmenschen und bemühte sich,
ihnen zu helfen, als ob er selbst in größter Bequemlichkeit lebte. Während er
einmal spätabends, an einem stürmischen und dunklen Wintertag, auf dem Weg zu
seinem Hospital die Gomeles-Straße hinaufging, beladen mit dem gefüllten
Bettelkorb und einem Armen auf den Schultern, den er kurz vorher auf dem Neuen
Platz gefunden hatte, rann auf der Straße so viel Wasser herab, dass er samt
dem Armen hinstürzte.
Angezogen vom Rauschen des Wassers und den
Schmerzensrufen des Armen, trat ein angesehener Mann, der sich in Granada zu
einem Prozess aufhielt, an ein niedriges Fenster, unter dem Johannes
hingefallen war. Von dort hörte dieser, wie Johannes mit sich selbst haderte
und sich mit dem Stock schlug, indem er sagte: „Ach, Herr Esel, seid ihr
vielleicht ein Tölpel, Faulenzer, Nichtsnutz und Waschlappen! Habt ihr heute
vielleicht nicht gegessen? Wenn ihr aber gegessen habt, warum wollt ihr dann
nicht arbeiten? Seht ihr denn nicht, dass die Armen, für die ihr arbeitet,
dringend etwas zum Essen brauchen? Seht doch, wie ihr diesen Armen zugerichtet
habt, den ich trage und der fast zu Tode gekommen wäre.“ Mit diesen Worten
richtete er sich mühsam wieder auf, - er war auf die Knie gefallen -, und
setzte seinen Weg bis zu den Knien im Wasser watend fort.
Der Mann, der dies vernommen hat, bezeugte,
dass Johannes dies alles in einer Weise sagte, dass niemand außer ihm ihn hätte
hören können und auch er nur deswegen zum Zeugen dieser Worte wurde, weil er
dem Vorfall ungesehen von seinem Fenster beiwohnte. Als er am folgenden Tag
Johannes fragte, ob er sich beim Sturz verletzt habe, wehrte dieser ab und
verharmloste das Geschehene. Und so handelte er immer. Jedes Mal wenn er einen
Armen sah, lud er ihn, ohne auf fremde Hilfe zu warten, auf seine Schultern und
brachte ihn unter größter Mühe in sein Hospital, da er selbst schwach und krank
war.
Eine geheimnisvolle
Begebenheit ist, wie Johannes von Gott zu seinem Habit und Namen kam, wiewohl
diese Sache sorgsamst bedacht werden will. Denn wenn auch kein anderer Grund
vorhanden ist, als dass dieser heilige Mensch sie beide getragen hat, so muss
man doch eine große Ehrfurcht für sie haben, zumal sie von unserem Herrn
gewollt waren, wie wir gleich sehen werden.
Die Sache trug sich
folgendermaßen zu. Eines Tages speiste Johannes von Gott mit dem Bischof von
Tuy,
der sich gerade in Granada aufhielt. Als dieser ihn nach seinem Namen fragte,
antwortete der Befragte, dass er Johannes heiße. Da sagte der Bischof zu ihm,
er solle sich Johannes von Gott nennen. Darauf erwiderte dieser: „Wenn Gott es
will.“ Seitdem nannten ihn alle Johannes von Gott.
Wenn Johannes von
Gott seine Kleider einem Armen schenkte, pflegte er danach, die Lumpen des
Armen anzuziehen.
Als der Bischof, der
ihm den Namen gegeben hatte, ihn nun in einem so erbärmlichen Zustand und in so
schäbige Lumpen gekleidet sah, sagte er zu ihm: „Bruder Johannes von Gott,
nehmt eurem Leben zuliebe mit dem Namen, den ihr hier empfangen habt, auch ein
neues Gewand mit! Denn das, was ihr zur Zeit tragt, stößt diejenigen, die aus
Ehrfurcht mit euch Umgang pflegen und euch an ihren Tisch laden wollen,
wahrhaftig ab. Deshalb sollt ihr von nun an eine Weste und ein paar graue Hosen
und darüber einen wollenen Mantel
tragen. Tut dies zu Ehren der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.“
Johannes erklärte
sich fügsam dazu bereit. Darauf ließ der Bischof sogleich das Gewand kaufen und
legte es ihm mit eigenen Händen an. Und so ging Johannes, mit dem Segen des
Bischofs, mit diesem Namen und diesem Gewand von dannen und wechselte beide
nicht mehr bis zu seinem Tode.
XVIII.
Kapitel
SEIN
STÄNDIGES GEBET,
VERFOLGUNG
DURCH DEN TEUFEL,
OFFENBARUNG
VERBORGENER UND ZUKÜNFTIGER DINGE
Obwohl Bruder
Johannes von Gott in besonderer Weise von unserem Herrn zu den Werken Marthas
berufen worden war, denen er sich denn auch die meiste Zeit aufopferte, so
vernachlässigte er dennoch die Werke Mariens nicht und widmete jeden freien
Augenblick dem Gebet und der Betrachtung. Oft verbrachte er ganze Nächte unter
Weinen und Klagen. Sein Klagen und Schluchzen, mit dem er unseren Herrn um
Vergebung und um Hilfe für die Nöte bat, welche er sah, war so tiefgehend, dass
er damit allen deutlich zeigte, dass das Gebet der Anker und das Fundament
allen geistlichen Lebens ist. Denn im Gebet lassen sich alle Fragen vor Gott
lösen, während ohne Gebet alles auf brüchigem Grund gebaut bleibt. Deshalb
unternahm er nichts, ohne vorher alles persönlich unserem Herrn zu empfehlen
oder es ihm anempfehlen zu lassen.
Auf diese Weise
widersetzte er sich mit Erfolg dem Satan, so dass er immer als Sieger aus den
vielen sichtbaren und unsichtbaren Kämpfen hervorging, die er mit ihm ausfocht.
Von einigen dieser Kämpfe, mit denen unser Herr seinen Diener krönen wollte,
will ich hier kurz berichten.
Als er eines Nachts
in seiner Zelle betete, hörte ihn ein Diener, der in der Nähe schlief, laut
seufzen, so dass dieser meinte, Johannes kämpfe mit jemandem. Aufgeschreckt von
dem Lärm eilte er zu ihm und fand ihn kniend, völlig erschöpft und über und
über in Schweiß gebadet, während er ohne Unterlass vor sich hinsagte: „Jesus,
befreie mich vom Satan! Jesus, steh mir bei!“
Als der Diener sein
Gesicht zu einem kleinen Fenster wandte, das auf die Straße hinausging, sah er
eine furchterregende Gestalt, in der er den Satan zu erkennen glaubte. Er rief
deshalb die anderen Bediensteten des Hauses herbei und sagte zu ihnen: „Seht
ihr nicht, dass der Teufel dort am Fenster steht und Feuer aus dem Maul speit?“
Soviel diese aber auch schauten, so konnten sie doch nichts erblicken, da die
Erscheinung sofort wieder verschwunden war. Bruder Johannes von Gott musste
anschließend in ein Krankenzimmer gebracht werden, wo sie ihn acht Tage lang im
Bett hielten, so mitgenommen und fertig war er durch das, was er erlebt hatte.
Trotzdem ließ er kein Sterbenswort von dem verlauten, was ihm widerfahren war.
Nur manchmal machte er das Kreuzzeichen und sprach zu sich: „Meinst du etwa, du
Verräter, dass ich das aufgeben werde, was ich begonnen habe?“
Ein anderes Mal, wenige Tage später, als er
im gleichen Zimmer bei verschlossener Tür kniend ins Gebet vertieft war, trat
plötzlich eine Frau von wunderschöner Gestalt zu ihm. Johannes fragte sie, wie
sie hereingekommen sei. Sie erwiderte: „Ich brauche keine Tür. Ich komme
hinein, wo ich will.“ Darauf sagte er zu ihr: „Das ist unmöglich. Du kannst da
nicht hereinkommen, außer du bis eine teuflische Erscheinung.“ Dann stand er
auf, um nachzusehen, ob die Tür verschlossen war. Sie war verschlossen. Als er
sich umdrehte, war die Frau verschwunden. Darauf eilte er sofort zu den Kranken
und sagte unter Tränen zu ihnen: „Brüder, weshalb betet ihr nicht für mich,
damit Gott seine schützende Hand über mich hält?“
Als er ein anderes
Mal spät in der Nacht das Haus eines angesehenen Bürgers von Granada verließ,
lief ihm plötzlich in einer Straße ein Schwein zwischen die Füße und brachte
ihn zu Fall. Das Tier hinderte ihn im Anschluss hartnäckig am Aufstehen und
zerrte ihn fast eine Stunde lang herum, indem es auf ihm herumtrampelte und ihn
beschnüffelte, bis man ihm endlich aus dem Haus eines Arztes, der dort wohnte
und Dr. Beltran hieß, zu Hilfe kam. Als man ihn fragte, was ihm zugestoßen sei,
antwortete er, er wisse nur, dass man ihn gestoßen, zu Fall gebracht und im
Schlamm herumgeschleift habe. Als man ihn in das Haus des Arztes bringen
wollte, wollte er dies nicht, sondern bat, man möge ihn zu seinen Armen
bringen. Man gehorchte ihm und er blieb dort über einen Monat, das Gesicht
voller Schrammen und auch sonst übel zugerichtet und zerschlagen.
Ein anderes Mal,
als er ein Krankenzimmer durch eine Tür, die sich in der Nähe einer Treppe
befand, verließ, erhielt er einen Stoß von unbekannter Hand und stürzte von der
Treppe in den Hof hinunter. Er rief aus: „Jesus steh mir bei!“ Auf den Lärm hin
eilten die Leute aus dem Haus herbei und sahen, dass er schwer gestürzt war. Er
aber stand nur auf, zog sich in sein Zimmer zurück, nahm ein Kreuz in die Hände
und begann unter vielen Tränen zu beten und zum Kreuz zu sprechen.
Ein anderes Mal näherte
sich ihm, während er nachts über einen Platz ging – er hatte nämlich die
Angewohnheit, nachts um Almosen zu betteln – ein Mann und sagte zu ihm: „Gib
mir Almosen!“ Johannes fragte ihn: „In wessen Namen bittest du mich darum?“ Da
gab dieser keine Antwort und verschwand. Bald darauf stellte sich ihm derselbe
Mann in einer anderen Straße wieder in den Weg und fragte: „Warum gibst du mir
kein Almosen?“ Johannes antwortete ihm, er könne ihm keines geben, wenn er ihn
nicht um Christi willen darum bitte. Bei diesen Worten versetzte ihm der Mann
einen Faustschlag vor die Brust, so dass Johannes einige Schritte
zurücktaumelte. Darauf verschwand der
Mann.
Wieder ein anderes
Mal, während er in seiner Zelle betete, hörten sie ihn schreien: „Jesus
Christus, Sohn des lebendigen Gottes, hilf mir!“ Auf diesen Schrei eilten alle
herbei und fanden ihn, als sie die Tür öffneten, die Hände um ein Kruzifix
geklammert, auf den Knien liegend vor einem Bild der Verkündigung Mariens.
Als man ihn fragte,
was geschehen sei, sagte er, er sei in die Luft gehoben und dann durch das
Zimmer geschleudert worden. Dann sei er aus beträchtlicher Höhe auf den Boden
gefallen und dort hart aufgeschlagen.
Man trug ihn sofort
weg und brachte ihn in den Krankensaal mit den Armen. Der Zufall wollte, dass
man ihn neben einen Kranken legte, der seit acht Tagen mit dem Tod rang.
Am folgenden Morgen
sagte Johannes zu dem Kranken, der inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt
hatte: „Sag, du Verräter, warum bekennst du nicht die Wahrheit? Siehst du
nicht, dass der Teufel bereits hier ist, um deine Seele zu holen?“
Da fragte ihn
dieser, woher er das wisse: „Ich weiß es“, antwortete ihm Johannes, „und damit
du weißt, dass ich es weiß, sage ich dir: Du hast zweimal geheiratet und beide
Frauen sind noch am Leben. Außerdem hast du eine widernatürliche Sünde
begangen, die du aus Scham nie gebeichtet hast. Beichte sie, denn Gott kennt
sie, und du wirst Heil für deine Seele erlangen.“
Tiefverwundert
sagte der Kranke, dass niemand auf der Welt außer ihm davon wisse, und bat ihn
sofort flehend, ihm einen Beichtvater zu rufen. Johannes brachte ihm einen
Franziskanermönch. Darauf beichtete der Kranke, empfing die heilige Kommunion
und verschied unter deutlichen Zeichen glaubensvoller Reue und Ergebenheit.
In solcher Weise
tat Johannes auch andere geheime Dinge kund, die unser Herr ihm offenbarte zum
Wohl und Vorteil der Seelen seiner Armen, die er ihm anvertraut hatte. Durch
sein Verdienst gewährte der Herr ihnen, sich von ihrem sündigen Leben zu
befreien, wie man das von vielen Heiligen liest. Das trat deutlich in dem
soeben dargestellten Fall wie auch bei anderen Gelegenheiten zu Tage. Ein
Beispiel sei noch berichtet, das von glaubwürdigen Personen bezeugt wurde.
In seinem Hospital
lag einmal eine kranke Frau, die bei vollem Bewusstsein in einem fort schrie
und verlangte, man solle sie zum Bibarrambla-Platz bringen und dort öffentlich
herumschleifen. Als Johannes von Gott sie eines Nachts schreien hörte, ging er
zu ihr hinauf und fragte sie: „Warum schreist du?“
Die Frau
antwortete: „Weil ich will, dass man mich öffentlich herumschleift.“ Da sprach
er zu ihr: „Vertreibe den Dämon aus deinem Herzen und du wirst ab sofort nicht
mehr verlangen, dass man dich herumschleift, denn ich weiß sehr wohl, dass du
seit zehn Jahren in wilder Ehe lebst.“
Die Frau gestand,
dass dies wahr sei und sie seit zehn Jahren nicht die Wahrheit gebeichtet habe.
Darauf redete Johannes von Gott liebevoll auf sie ein und überzeugte sie, Gott
um Vergebung zu bitten und ihre Sünden zu beichten. Die Frau tat, wie er ihr
geheißen hatte, und starb eines christlichen Todes.
Ein anderes Mal,
als Johannes selbst krank in einem Krankensaal des Hospitals lag, rief er einen
Pfleger und befahl ihm, in den darüber liegenden Saal zu gehen und einem Kind,
das im Sterben lag, eine Kerze in die Hand zu geben.
Der Pfleger ging
hinauf und fand alles so vor. Er wunderte sich, dass Johannes das wusste, denn
er selbst wusste nicht einmal, dass dieses kranke Kind dort lag. Er gab ihm die
Kerze in die Hand und nach einer Stunde starb das Kind.
Eine Person, die mit Johannes vertrauten
Umgang pflegte, erzählte, dass Johannes von Gott ihr mehrmals vorausgesagt
habe, dass sie zwischen Freitag und Samstag sterben werde. Und so geschah es
auch, denn sie starb eine halbe Stunde nach Mitternacht. Ebenso habe er
vorausgesagt, dass dereinst viele in seinem Gewand den Armen in der ganzen Welt
dienen würden. Wie wunderbar dies heute in Erfüllung geht, werden wir bei
gegebener Gelegenheit zeigen.
XIX.
Kapitel
SEIN
GLÜHENDER EIFER FÜR DIE EHRE GOTTES
UND DAS
HEIL DES NÄCHSTEN
Die große Liebe, die Johannes von Gott zu
unserem Herrn empfand, erfüllte ihn mit dem glühenden Verlangen, ihn in all
seinen Geschöpfen geehrt zu sehen. Deshalb setzte er sich bei all seinen Werken
zum Hauptziel, den Ruhm und die Ehre unseres Herrn zu vermehren: Die Sorge für
den Leib und das Leben sollte ein Mittel zum Heil der Seele sein. Wann immer er
sich deswegen der leiblichen Nöte und Bedürfnisse eines Menschen annahm, sorgte
er sich gleichzeitig um sein Seelenheil, wenn dies notwendig war. Er tat dies,
so gut er konnte, mit heiligen und zu Herzen gehenden Ermahnungen und führte
alle auf den Weg des Heils, indem er weit mehr als mit Worten durch seine
lebendigen Werke die Menschen lehrte, die Eitelkeit der Welt und ihre
Täuschungen zu verachten, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus
Christus nachzufolgen. All das geht deutlich aus der Darstellung hervor, die
wir bisher von seinem Leben gegeben haben.
Seiner innigen
Liebe zu Gott entstammte auch die große Sanftmut, mit der Johannes jedwede
Beleidigung und jedwedes Unrecht ertrug, um so – als guter Kaufmann – daraus
Gewinn zur Ehre Gottes zu erzielen, denn das war ja die Ware, mit der er
handelte. Obwohl man diesbezüglich viele Beispiele erzählen könnte, möchte ich
nur eine Begebenheit erwähnen, die mir von vertrauenswürdigen Personen
berichtet wurde.
In Granada hielt
sich einmal eine sehr schöne, aber arme Frau auf, die von auswärts gekommen
war, um eine gerichtliche Angelegenheit zu erledigen.
Dieser Frau
begegnete nun Johannes von Gott, als er in das Haus eines Rechtsanwaltes trat.
Ihr Verhalten und die Sache, die sie betrieb, gaben ihm zu der begründeten
Vermutung Anlass, dass sie in Gefahr sei, den Herrn zu beleidigen. Deshalb rief
er sie zu sich und erkundete sich nach ihrem Leben. Nachdem sie ihm ihr Leben
erzählt und ihre Nöte anvertraut hatte, sagte Johannes zu ihr: „Liebe Frau! Um
der Liebe Gottes willen, bitte tut, was ich euch sage, denn so werdet ihr am
besten euch selbst und eurer gerichtlichen Angelegenheit helfen. Ich werde euch
in ein Haus bringen, in dem einige Frauen in Zurückgezogenheit leben. Dort
sollt ihr, in der Gesellschaft dieser Frauen, eurem Stand entsprechend in einem
eigenen Zimmer mit allen Bequemlichkeiten wohnen. Ich aber werde euch zu essen
bringen und eure Sache vorantreiben, damit ihr zurückgezogen leben könnt und
nicht unter Gefährdung eurer Ehre auf die Straße zu gehen braucht.“
Die Frau nahm den
Vorschlag freudig an, und Johannes brachte sie, wie versprochen, in ein
ehrsames Haus, versorgte sie mit dem Notwendigen und trieb ihre Sache voran. Er
ging sie immer wieder besuchen, brachte ihr Lebensmittel und unterrichtete sie
über den Fortgang des Prozesses. Dabei bat er sie jedes Mal auf den Knien und
unter Tränen, sie solle das Haus nicht verlassen, auf ihre Ehre achten und Gott
nicht beleidigen. Für das Essen und für die Erledigung des Prozesses wolle
schon er Sorge tragen.
Eines Abends, als
es schon ziemlich spät war, kam er beim Sammeln von Almosen an diesem Haus
vorbei, trat ein und fand die Frau, auffallend schön gemacht, allein in ihrem
Zimmer. Angesichts ihrer Aufmachung und ihres Alleinseins zu dieser Stunde
begann er sie heftig zu tadeln und redete so eindringlich auf sie ein, dass sie
zu weinen begann. Dann ermahnte er sie an ihre Pflicht, gab ihr, was er ihr für
ihren Lebensunterhalt zu geben pflegte und ging fort.
Jene Frau hielt
nun, ohne jede Gottesfurcht, einen jungen Liebhaber hinter ihrem Bett
versteckt, um mit ihm zu sündigen. Dieser vernahm alles, was im Zimmer vorfiel.
Die Worte von Johannes von Gott und die große Liebe, mit der er sich um die
Ehre Gottes und das Heil jener Seele sorgte, machten den jungen Mann derart
betroffen, dass das Feuer dieser Liebe in ihm das Feuer der Begierde auslöschte.
Als er deswegen sein Versteck verließ, hatte er tränenerfüllte Augen und war
völlig umgewandelt. Er beschwörte die Frau, keusch zu bleiben, und Gott und
diesem Heiligen nicht so schlecht zu vergelten, was er für sie tat; denn im
Namen Gottes sorge er ja für ihren Unterhalt, lehre sie die Wahrheit und rate
ihr das Beste. Darauf verließ er auf der Stelle jenes Haus und fasste den
festen Entschluss, unseren Herrn nicht mehr zu beleidigen, sondern ihm zu
dienen. Und er hielt, was er sich vorgenommen hatte; denn er änderte sein Leben
und starb schließlich in vorbildhafter christlicher Frömmigkeit.
Daran können wir
einmal mehr sehen, wie gütig und hochherzig unser Herr ist. Er ließ nicht zu,
dass die Mühe, die sich sein Diener aus Liebe zu ihm machte, fruchtlos blieb;
denn da jene Frau die große Gunst, die ihr angeboten wurde, nicht nutzen wollte
(was ja die meisten dieser Frauen machen), sorgte Gott dafür, dass ein anderer
diese Gnade empfing. Sagt er doch durch seinen Propheten Jesaja (Kap. 55): „Das
Wort, das meinen Mund verlässt, es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern
bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.“
XX.
Kapitel
SEIN
TOD
Die Strapazen und
Mühen, die Johannes von Gott auf sich nahm, um die Leiden seiner Mitmenschen zu
lindern, - sei es auf Reisen oder Ausgängen, bei denen er oft eisiger Kälte
ausgesetzt war, sei es bei der alltäglichen Arbeit in der Stadt -, waren so
kraftzehrend, dass er immer mehr verfiel. Da er sich wenig um seinen Zustand
kümmerte, bereitete ihm seine zerrüttete Gesundheit häufig starke Beschwerden,
die er, so gut es ging; vor seinen Armen zu verbergen suchte, denn sie sollten
nichts davon merken und sich keine Sorgen um seine Gesundheit machen. Doch an
einem gewissen Punkt war er so schwach, ausgelaugt und entkräftet, dass er es
nicht mehr verbergen konnte.
In jenem Jahr war
der Genilfluss infolge
heftiger Regenfälle stark angeschwollen. Als Johannes von Gott erfuhr, dass das
Hochwasser viel Holz und viele Baumstümpfe mit sich führte, beschloss er, - es
war ein bitterkalter Winter -, mit Hilfe der gesunden Personen im Haus das
Schwemmholz zu holen, damit die Armen Feuer machen und sich wärmen konnten.
Als er trotz seines
angegriffenen Gesundheitszustandes in dieser kalten Jahreszeit ins Wasser
stieg, erkältete er sich so sehr, dass sich sein Leiden verschlimmerte und er
schwer erkrankte. In das Wasser war er deshalb gegangen, weil ein Junge, der
mit den armen Leuten zum Holzsammeln gekommen war, sich in unvorsichtiger Weise
zu weit in den Fluss hineingewagt hatte und von der Strömung erfasst und
mitgerissen worden war. Obwohl Johannes bei dem Versuch, ihm zu Hilfe zu eilen,
weit in das Wasser hineinging; ertrank der Knabe und konnte nicht mehr gerettet
werden. Dieser Vorfall ging ihm so zu Herzen, dass sich sein Gesundheitszustand
von Tag zu Tag verschlechterte.
Als nun die Zeit
gekommen war, da unser Herr seinem Diener den Lohn und die Vergeltung für seine
Mühen geben wollte, geschah folgendes: Während Johannes krank im Bett lag, gingen
einige Personen, welche die selbstverständliche Bereitschaft, mit der Johannes
für alle sorgte, nicht verstanden, in einem Anfall von dünkelhaftem Übereifer
und Oberflächlichkeit zum damaligen Erzbischof von Granada, Don Pedro Guerrero,
und berichteten ihm, dass sich im Hospital von Johannes von Gott Männer und
Frauen jeder Art aufhielten, von denen manche ganz offenkundig arbeitsfähig
seien und sehr wohl zur Arbeit gehen und selbst für ihren Lebensunterhalt
sorgen könnten, wenn sie nicht dort beherbergt würden. Außerdem weilten Frauen
mit einem zwielichtigen Ruf im Haus, die Schande über Johannes brächten und das
Gute, das man ihnen erwies, nicht zu schätzen wüssten. Er solle deshalb kraft
seiner Autorität anordnen, diesem Zustand ein Ende zu setzen.
Als der Erzbischof,
der ein vorzüglicher Hirte und ein eifrig um das Heil seiner Herde besorgter,
geistlicher Vater war, dies vernahm, ließ er Johannes von Gott, nichtsahnend
von seiner Krankheit, zu sich rufen.
Kaum hatte man
Johannes verständigt, stand er trotz seines Zustandes sofort auf und begab sich
unverzüglich zum Erzbischof. Sobald er vor ihm stand, küsste er ihm die Hand,
empfing seinen Segen und sprach: „Was befehlt Ihr, mein guter Vater und
Bischof?“ Der Bischof antwortete: „Bruder Johannes von Gott, ich habe erfahren,
dass in eurem Hospital Männer und Frauen von zwielichtigem Ruf aufgenommen
werden, die gefährlich sind und euch mit ihrem schlechten Verhalten in
Schwierigkeiten bringen. Daher schickt sie sofort weg und säubert das Hospital
von derartigen Personen, damit die Armen, die ihr habt, in Frieden und Ruhe
leben können und ihr nicht mehr von diesen Leuten belästigt und in Verruf
gebracht werdet.“ Johannes von Gott hörte aufmerksam allem, was ihm sein
Bischof zu sagen hatte, zu und erwiderte ihm darauf voller Demut und
Ergebenheit: „Mein guter Vater und Bischof, der einzige schlechte,
unverbesserliche und nutzlose Mensch, der es verdient, aus jenem Haus Gottes
gejagt zu werden, bin ich. Die Armen, die bei mir im Hospital sind, sind gut. Von
keinem weiß ich etwas Schlechtes. Da nun Gott die Bösen und Guten erträgt und
Tag für Tag über allen seine Sonne aufgehen lässt, ist es nicht recht, die
Verlassenen und Niedergeschlagenen aus ihrem eigenen Haus zu jagen.“
Der Erzbischof war
von dieser Antwort sehr angetan, sah er darin doch die große väterliche Liebe
und Zuneigung, die Johannes von Gott für seine Armen empfand, so dass er sie
sogar entschuldigte und alle Verfehlungen, deren sie bezichtigt wurden, auf
sich nahm. Als klugem und frommem Mann fiel es ihm nicht schwer, ihn zu
verstehen und zu erkennen, dass man zu einem solchen Menschen in diesen und
anderen Fragen volles Vertrauen haben konnte. Deswegen gab er ihm seinen Segen
und sagte: „Bruder Johannes, gehet hin in Frieden mit Gottes Segen und
betrachtet euch als Herr des Hauses in eurem Hospital. Ich ermächtige euch
dazu.“
Darauf
verabschiedete sich Johannes von Gott und kehrte in das Hospital zurück. Als er
kurze Zeit später merkte, dass sich seine Krankheit zusehends verschlimmerte -
er wurde von heftigen Fieberschauern geschüttelt und ahnte, worum es ging -, da
nahm er unter Aufbietung der letzten Kräfte, die ihm Gott schenkte, ein leeres
Heft und Schreibzeug und rief einen Mann, der des Schreibens kundig war. Mit
diesem ging er in der Stadt von Haus zu Haus zu allen, denen er Geld schuldete,
machte eine Aufstellung der Schulden und ließ den Betrag mit der entsprechenden
Begründung aufzeichnen. Dabei kam es vor, dass Schulden zu Tage kamen, an die
sich selbst die Gläubiger nicht mehr erinnern konnten. Nachdem er auf diese
Weise Ordnung in seine Schulden gebracht hatte, ließ er sie anschließend noch
in ein zweites Heft eintragen. Eines nahm er an seine Brust, das andere ließ er
im Hospital aufbewahren, damit, wenn Gott ihn zu sich riefe und eines verloren
ginge, das zweite dort auffindbar sei. Er wollte nämlich, dass alle Schulden
ordnungsgemäß bezahlt würden. Das war sein Testament.
Nachdem dies
erledigt war, begab er sich in seine Zelle zurück. Er war so erschöpft, dass er
sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte und sich ins Bett legen musste. Da
er alsbald nicht mehr in der Lage war aufzustehen, bemühte er sich, den Armen,
die sich an ihn wandten, durch die Zustellung von Bittschriften zu helfen. Und
siehe da: Unser Herr sorgte für alles Notwendige in solcher Fülle, als wenn
Johannes, wie er es früher gewohnt war, selbst Almosensammeln gegangen wäre.
Denn alle Herren und Bürger halfen großzügig, als sie erfuhren, dass er krank
war, und beschworen seinen Gefährten Anton Martin, Johannes von Gott in allem
zu ersetzen, wozu er selbst nicht mehr in der Lage war.
Frau Anna Osorio,
die Gemahlin des Stadtrates Garcia de Pisa,
eine Frau von großer Frömmigkeit und vorbildlichem Lebenswandel, die Johannes
von Gott aus diesem Grund sehr schätzte, stattete ihm, als sie von seiner
Krankheit erfuhr, einen Besuch ab. Als sie sah, wie sehr er litt und wie wenig
man sich um ihn dort kümmerte – zahlreiche Arme standen um ihn, so dass er
keine Ruhe finden konnte, ohne dass er freilich widersprach -, da bat sie ihn
eindringlich, er solle sich in ihr Haus bringen und dort pflegen lassen. Dort
werde man ihm ein Bett geben und auch für alles andere sorgen. Denn bis jetzt
lag er nur auf Brettern mit seinem Bettelkorb als Kopfkissen.
Obwohl er nach
Kräften nach Ausflüchten suchte und inständig darum bat, ihn nicht von seinen
Armen zu trennen, inmitten deren er sterben und begraben werden wollte, ließ er
sich schließlich doch von der Frau überreden. Diese erklärte ihm nämlich, dass
er, nachdem er allen Gehorsam gepredigt habe, nun selbst gehorsam sein und tun
solle, um was man ihn aus gutem Grund um der Liebe Gottes willen bitte.
Man brachte einen
Tragsessel, um ihn fortzubringen. Aber kaum hatte man ihn auf den Sessel
gehoben, eilten alle Armen, die dazu in der Lage waren, aufgeschreckt von der
Nachricht, dass man ihn wegbringen wolle, herbei, umringten ihn und wollten
ihn, da sie sehr an ihm hingen, am Weggehen hindern. Da es aber lauter Leute
waren, die dem eigenen Unglück und Leiden nichts als Klagen und Tränen
entgegenzusetzen haben, begannen alle, Männer und Frauen, so herzzerbrechend zu
schluchzen und zu weinen, dass selbst der hartherzigste Mensch zu Tränen
gerührt gewesen wäre. Als Johannes die Unglücklichen so weinen sah, erhob er
betrübt die Augen zum Himmel und sprach: „Meine Brüder, Gott weiß, wie gern ich
mitten unter euch sterben würde. Aber da Gott will, dass ich sterbe, ohne euch
zu sehen, so geschehe sein Wille!“ Dann erteilte er jedem einzelnen seinen
Segen und sagte zu ihnen: „Lebt in Frieden, meine Kinder, und wenn wir uns
nicht mehr wiedersehen, dann betet zu unserem Herrn für mich!“
Das Weh- und
Klagegeschrei, das darauf erneut unter den Armen anhob, ging Johannes derart zu
Herzen, dass er bewusstlos auf seinem Sessel zusammenbrach. Bei ihm hätte wohl
auch schon viel weniger gereicht, liebte er seine Armen doch über alle Maßen.
Als er wieder zu
sich kam, brachte man ihn, um ihm weitere Qualen zu ersparen, kurzentschlossen
in das Haus jener Frau.
Da er nun einmal begonnen und beschlossen hatte zu gehorchen, ließ er mit sich,
um ein Beispiel des Gehorsams zu geben, alles geschehen, was man ihm anordnete.
Obwohl er bis dahin, trotz seines elenden Zustandes, sein raues und armseliges
Gewand nie gewechselt hatte, ließ er jetzt zu, dass man ihm ein Hemd anzog, ihn
in ein Bett legte und sich seiner mit großer Liebe und Sorgfalt annahm, indem
man ihm Ärzte und Arzneien sowie alles, was er sonst brauchte, verschaffte.
Hier wurde er nun
von vielen angesehenen Personen und Herren besucht, die ihn, miteinander
wetteifernd, mit Lob und lieben Worten überschütteten. Ihm sagte das überhaupt
nicht zu, obwohl er für die Liebe, aus der sie dies taten, Verständnis hatte.
Dazu kam, dass man ihn hinderte, seine Armen zu sehen. Vor das Haustor hatte
man nämlich einen Wärter gesetzt, der sie nicht ins Haus lassen sollte, da
Johannes bei ihrem Anblick jedes Mal weinte und sich bitterlich grämte.
Als der Erzbischof
erfuhr, dass Johannes von Gott todkrank war, besuchte er ihn, stärkte ihn mit
heiligen Worten und gab ihm Mut zum letzten Schritt. Bevor er sich
verabschiedete, sagte er zu ihm, wenn ihn etwas bedrücke, solle er es ihm
sagen, dann werde er ihm, wenn er könne, gerne helfen.
Johannes erwiderte:
„Mein guter Vater und Bischof! Drei Dinge betrüben mich. Erstens, wie wenig ich
unserem Herrn gedient habe, da ich doch so viel von ihm empfangen habe.
Zweitens die Armen, für die ich zu sorgen begonnen habe, sowie die vielen
anderen, die ihr sündhaftes und schlechtes Leben aufgegeben haben, und die
verschämten Armen. Drittens die Schulden, die ich aus Liebe zu unserem Herrn
Jesus Christus gemacht habe und die es mir nicht gelungen ist zurückzuzahlen.“
Bei diesen Worten übergab er ihm das Heft, in dem die Schulden aufgezeichnet
waren.
Der Erzbischof
antwortete darauf: „Mein Bruder, was eure Befürchtung betrifft, ihr habet
unserem Herrn nicht gebührend gedient, so vertraut auf seine Barmherzigkeit: Er
wird mit den Verdiensten seines Leidens ergänzen, was ihr nicht zu leisten
vermochtet. Für eure Armen übernehme ich die Sorge, so wie es mir meine Pflicht
gebietet. Was eure Schulden betrifft, so übernehme ich auch sie hiermit in
vollem Umfang und verpflichte mich, sie zu bezahlen. Außerdem verspreche ich
euch, dies alles so zu tun, als wenn ihr es selbst tun würdet. Macht euch
deshalb keine Sorgen, sondern denkt nur an euer Heil und überlasst euch unserem
Herrn.“ Der Besuch und die Versprechen des Bischofs waren ein großer Trost für
Johannes von Gott. Nachdem dieser noch andere aufmunternde Worte an ihn
gerichtet hatte, küsste ihm Johannes die Hand und empfing seinen Segen. Danach
verabschiedete sich der Bischof und ging noch das Hospital besichtigen.
Als sich die
Krankheit immer mehr verschlimmerte, empfing Johannes das Bußsakrament, das er
auch sonst immer häufig empfing. Darauf wurde ihm unser Herr zur Anbetung
gebracht, weil ihm die Krankheit den Empfang der Kommunion nicht mehr
gestattete. Schließlich rief er seinen Gefährten Anton Martin, dem er
eindringlich die Armen, Waisen und Verschämten ans Herz legte und mit heiligen
Worten auftrug, was er künftig zu tun habe.
Da er nun spürte,
dass seine Stunde gekommen war, stand er vom Bett auf, kniete sich auf dem
Boden nieder, umarmte ein Kreuz und sagte dann nach kurzem Schweigen: „Jesus,
Jesus, in deine Hände übergebe ich mich.“ Nachdem er dies mit fester und klarer
Stimme gesagt hatte, gab er seine Seele dem Schöpfer zurück. Er war 55 Jahre
alt. Davon hatte er 12 im Dienst der Armen im Hospital von Granada aufgeopfert.
Es trug sich nun
eine wunderbare Begebenheit zu, wie sie sich, soweit uns bekannt ist, bei
keinem anderen Heiligen außer beim ersten Eremiten Paulus ereignet hat: Nachdem
Johannes von Gott gestorben war, blieb sein Körper etwa eine Viertelstunde
lang, ohne umzufallen, aufrecht auf den Knien und er wäre bis heute in dieser
Stellung geblieben, wenn die Anwesenden in ihrer Einfalt nicht geglaubt hätten,
sie dürften ihn nicht erstarren lassen, wenn sie ihn bekleiden wollten. Deshalb
ergriffen sie ihn, streckten ihn unter großen Schwierigkeiten, um ihn zu
bekleiden, und löschten so auf immer die Spuren jener wunderbaren, knienden
Haltung aus.
Bei seinem Tode
waren zahlreiche hochgestellte Damen und vier Priester zugegen. Alle waren
zutiefst beeindruckt von den geheimnisvollen Vorgängen dieses Sterbens, in
denen sich doch so gut das Leben des Verstorbenen spiegelte, und dankten Gott
dafür.
Johannes starb am Samstagmorgen, eine halbe Stunde nach der Frühmette, am 8.
März des Jahres 1550.
XXI.
Kapitel
BEGRÄBNIS
UND BESTATTUNG
Beim Tod von
Johannes von Gott ging eindrucksvoll in Erfüllung, was unser Erlöser Jesus
Christus in seinem Evangelium (Mt 23) sagt: „Wer sich erniedrigt, wird erhöht
werden.“ So wie er nämlich die ganze Zeit, die er unserem Herrn gedient hatte,
einzig und allein darum bestrebt gewesen war, sich selbst zu entäußern, zu
verachten und, wann immer und wo immer es ihm möglich war, an den niedrigsten
Platz zu stellen, - wie deutlich an seinem Lebensweg ersichtlich wird -, so
gefiel es nun unserem Herrn, zur Erfüllung seines Wortes, ihn im Leben und im
Tod in einer Weise zu erhöhen und zu ehren, dass man fraglos sagen kann: Wohl
keinem Fürsten, Kaiser oder sonstigem Herrscher der Welt wurde ein solch
ehrenvolles und feierliches Begräbnis zuteil wie Johannes von Gott. Denn wenn
auch zur Beisetzung mancher Fürsten genauso viele und vornehme Leute, oder noch
mehr, geströmt sein mögen, so ist dennoch die innere Bewegung, mit der man
jemand die letzte Ehre erweist, bei den einen und bei den anderen eine völlig
andere.
Zur Beisetzung der
Herrscher dieser Welt eilt man nämlich aus Gehorsam und um dem Nachfolger zu
gefallen, manchmal auch auf Befehl, weil nun einmal der Gehorsam befohlen sein
will. Bei Johannes von Gott war es anders. Denn da er so arm und verachtet war
und nichts auf Erden besaß, darf man getrost davon ausgehen, dass bei den
Menschen, die herbeieilten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, keines von
diesen drei Dingen eine Rolle spielte, die nach den Worten von Johannes von
Gott die Menschen der Welt blenden.
Als es nun Tag
geworden war, verbreitete sich die Nachricht von seinem Tod. Daraufhin strömten
scharenweise Menschen aus allen Bevölkerungsschichten herbei, und zwar so viele
und so spontan, dass man aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Man bekleidete
den Leichnam und bahrte ihn in einem großen Saal auf einem prunkvoll
hergerichteten Bett auf. In dem Saal wurden drei Altäre errichtet, auf denen
von allen Mönchen und Priestern der Stadt, denen es möglich war, Messen
gefeiert wurden, bis man ihn zu Grabe trug. Zum Responsorium gingen alle zu seinem
Leichnam. Um neun Uhr morgens waren bereits so viele Menschen zu seiner
Beisetzung gekommen, dass sie weder im Haus noch auf den umliegenden Straßen
Platz finden konnten.
Langsam setzte sich
der Zug in Bewegung. Der Marquis von Tarifa und der Marquis von Cerralbo,
Don Pedro de Bobadilla und Don Juan de Guevara, hoben den Leichnam auf ihre
Schultern und trugen ihn hinunter auf die Straße. Dort kam es beinahe zum
Streit darüber, wer ihn tragen dürfe. Da erschien ein verehrungswürdiger
Franziskaner namens Carcamo, der im Ruf der Heiligkeit stand, mit anderen
Mitgliedern seines Ordens und erklärte: „Dieser Leichnam muss von uns getragen
werden, denn Johannes von Gott hat in seinem Leben in bezeichnender Weise
unseren heiligen Vater Franziskus in Armut, Buße und Selbstenttäußerung
nachgeahmt.“ Und so ließ man diese heiligen Männer den Leichnam eine Zeitlang
tragen. Dann folgten die Angehörigen aller anderen Orden, die ihn ebenfalls
jeweils eine kurze Strecke trugen, bis der Zug zur Kirche Unserer Lieben Frau
vom Siege gelangte.
Der Bürgermeister
und die Gerichtsdiener sorgten für Ordnung unter der Menge, was angesichts der
großen Menschenzahl dringend notwendig war. Der Leichenzug war folgendermaßen
zusammengesetzt:
An der Spitze
gingen die Armen seines Hospitals und ein Großteil der Frauen, die er
verheiratet hatte; außerdem die armen jungen Mädchen und die Witwen, jede mit
einer Kerze in der Hand. Alle weinten bitterlich und erzählten unter Wehklagen
von den vielen Wohltaten und Almosen, die sie von Johannes von Gott empfangen
hatten.
Dann folgten in der
jeweiligen Rangordnung die zahlreichen Bruderschaften der Stadt mit großen
Kerzen, Kreuzen und ihren Fahnen. Dann kamen die Geistlichen der Stadt und, in
loser Ordnung, Ordensleute aus allen Ordensgemeinschaften, welche ebenfalls
Kerzen in der Hand trugen. Sofort danach folgte das Kreuz der Pfarrei mit den
Gemeindepfarrern, dann das Domkapitel, die Kanoniker und andere geistliche
Würdenträger mit einem eigenen Kreuz, schließlich der Erzbischof, die Kapläne
der Königlichen Kapelle und dann der Leichnam.
Dahinter gingen die
vierundzwanzig Räte sowie die Geschworenen der Stadt und mit ihnen Ritter und
Herren. Dann kamen alle höheren Beamten und Advokaten des Königlichen
Gerichtshofes und danach noch eine unübersehbare Schar von trauernden Menschen.
Denn nicht nur die Altchristen, sondern auch die getauften Mauren
beweinten Johannes von Gott und lobpreisten in ihrer Sprache unter
tausendfachen Segenswünschen seine Wohltaten, Almosen und sein gutes Beispiel. Man
läutete alle Glocken der Hauptkirche und die Glocken aller Pfarreien und
Klöster. Und sie läuteten so eindringlich und so schön, dass es schien, als
hätten sie Verstand und brächten ihre Trauer in einer nie gehörten Weise zum
Ausdruck.
Als man auf dem
Platz vor der Kirche Unserer Lieben Frau vom Siege
angelangt war, blieb der Zug mit dem Leichnam lange stehen. Denn wegen der
vielen Menschen, die in die Kirche hineingehen wollten, entstand ein solches
Gedränge, dass man lange warten musste, bevor man in die Kirche einziehen
konnte.
Die große
Verehrung, die Johannes genoss, führte dazu, dass die Leute, - bestürzt von dem
Gedanken, dass sie ihn in diesem Leben nicht mehr sehen würden -, sich um
seinen Leichnam drängten, um ihn ein letztes Mal zu sehen und zu berühren und
einige Reliquien an sich zu nehmen. Niemand war in der Lage, sie davon
abzuhalten. Einige berührten ihn in der Hoffnung auf Hilfe mit ihrem
Rosenkranz, andere mit ihrem Gebetbuch oder mit anderen Gegenständen.
Der Andrang der
Menschen, die sich unter lautem Wehklagen um den Toten scharten, war so groß,
dass man sie in keiner Weise, weder mit Bitten noch durch Gewalt, entfernen
konnte. Und wenn nicht Gott dafür gesorgt hätte, dass sie sich entfernten,
hätten sie - manche hatten damit schon begonnen – den Sarg in Stücke gerissen,
nur um eine Reliquie zu bekommen, und hätten so seine Bestattung verhindert.
Als es schließlich
möglich war, trug man den Leichnam in die Kirche und legte ihn auf eine eigens
dazu vorbereitete, reich geschmückte Bahre. Der Tote wurde von den Mönchen, die
im Haus geblieben waren, feierlich in Empfang genommen, indem sie ihm mit ihrem
General,
der sich damals in Granada aufhielt, entgegengingen. Dieser feierte das
Totenoffizium und die Messe, während ein anderer Mönch desselben Ordens eine
ergreifende Predigt hielt, in der er von der Demut und von der Verachtung der
Welt sprach und davon, wie unser Herr auf diesem Weg die Seinen erhöht.
An jenem Tag wurden, im Schein zahlreicher
Fackeln und Kerzen, noch viele Messen gelesen. Schließlich wurde Johannes von
Gott in einer Grabnische der Kapelle jener Frau Garcia de Pisa beigesetzt, in
deren Haus er gestorben war. Und an den zwei darauffolgenden Tagen – Sonntag
und Montag – wurde zu seinen Ehren die Messe auf dieselbe Weise, - mit
derselben Feierlichkeit bei der Messhandlung und bei der Predigt -, gelesen.
Gleichzeitig wurden weitere Messen gefeiert, denen viele Gläubige beiwohnten.
Über ein Jahr lang
gab es in Granada keine Predigt, in der nicht von Johannes von Gott und von
seinem Leben zur Veranschaulichung des Wortes Gottes und zum Vorbild für das
Volk gesprochen worden wäre. Zwanzig Jahre nach jenem Tag traten ein paar
Ritter, die ihn sehen wollten, in die Gruft und fanden ihn unversehrt. Nur die
Nasenspitze war verwest. Darüber waren sie sehr verwundert, denn sein Körper
war im Gegensatz zu anderen nicht einbalsamiert worden, um den Zerfall zu
vermeiden.
Angesichts der
großen Werke, die er vollbracht hat, und im Vertrauen auf die große Güte und
Barmherzigkeit unseres Herrn, dürfen wir in frommer Weise glauben, dass
Johannes von Gott heute in der Herrlichkeit Gottes lebt, die ja nach Gottes
Wort Menschen wie ihm bereitet ist. Zu dieser möge Gott auch unsere Schritte
lenken mit einem ebensolchen Leben und mit ebensolchen Werken, damit auch wir
verdienen, für immer bei Ihm zu sein. Amen.
XXII.
Kapitel
EREIGNISSE
NACH SEINEM TOD
Wie bereits erwähnt, hatte Johannes von
Gott, bevor er starb, das Hospital seinem Gefährten Anton Martin
mit dem Auftrag anvertraut, es so zu leiten und für alles Sorge zu tragen, wie
er es getan hatte.
Dieser erwies sich
als gelehriger Schüler seines Meisters in der Sorge für die Armen und in der
Liebe zu ihnen. Nachdem er einige Tage die ihm übertragene Aufgabe im Hospital
mit großer Gewissenhaftigkeit wahrgenommen hatte, beschloss er angesichts der
Nöte des Hauses an den Hof zu gehen, um dort, wie einst Johannes von Gott, die
Herren und die Großen um Almosen zu bitten, damit das begonnene Werk erhalten
und fortgeführt werden konnte.
Am Hof rieten ihm
einige fromme und einflussreiche Personen zur Gründung eines Hospitals seines
Ordens in Madrid, wo ein solches dringend notwendig war, damit auch dort die
Armen und Kranken mit Liebe und Umsicht gepflegt würden. Zu diesem Zweck
stellten sie ihm umfangreiche Hilfen in Aussicht. Er folgte dem Rat, und man
begann mit dem Bau dort, wo es heute noch steht. Es heißt „Anton
Martin-Krankenhaus“ und ist, wie alle wissen, eine große und bedeutende
Einrichtung, in der zahlreiche Armen betreut werden und viele Brüder des
nämlichen Ordens wie in Granada wirken, mit dem einzigen Unterschied, dass die
Farbe des Habits, den sie tragen, ein wenig dunkler ist als in Granada.
Außerdem tragen sie den Bettelkorb unterm Arm und nicht auf der Schulter, denn
sie sagen, sie würden sonst mit ihnen die Ritter und die vornehmen Personen
anrempeln, mit denen sie verhandeln und derer es dort viele gibt.
Nachdem das Werk in
Madrid begonnen und bis zu einem zufriedenstellenden Punkt fortgediehen war,
kehrte Anton Martin nach Granada zurück und brachte viele Decken, Leintücher,
Wäsche sowie andere Almosen in Geld für das Hospital mit. Sofort nach der
Ankunft erstattete er Erzbischof Don Pedro Guerrero über die Lage des
entstehenden Hospitals in Madrid Bericht. Mit dessen Erlaubnis kehrte er dann
dorthin zurück und widmete sich bis zu seinem Tod in vorbildhafter Weise den
heiligen Werken der Hospitalität und
der Buße. Denn er war ein sehr großer Büßer und gab mit seiner aufrechten
Lebensweise ein großes Beispiel.
Da er schon während
seines Lebens bei allen im Ruf der Heiligkeit stand, kamen zu seinem Begräbnis
alle Herren und alle Großen des Hofes, so dass es zu einem sehr feierlichen
Moment wurde. Man bestattete ihn in einer Hauptkapelle des Klosters des
heiligen Franziskus in Madrid, wo er im Herrn ruht.
Aber kehren wir
wieder zu unserer Geschichte zurück. Als Anton Martin aus Granada wegging,
blieben im Hospital andere Brüder zurück, von denen ich später genauer
berichten werde. Denn da sie sich in allem und jedem als würdige Nachfolger
jenes heiligen Mannes erwiesen, verdienen ihr Leben und ihre Taten unbedingt
bekannt zu werden.
Diese Brüder
führten und verwalteten das Krankenhaus getreu der Art ihres Meisters, wobei
stets ein älterer Bruder als Oberer das Haus leitete, während die anderen ihm
gehorchten.
Da die Zahl der
Armen, die mit allen möglichen Krankheiten ins Hospital kamen, immer größer
wurde und man keinen von ihnen abwies, wie es seit jeher und noch heute dort
Brauch ist, reichte schon bald der Platz nicht mehr für alle. Der Platzmangel
wurde schließlich so groß, dass sich immer dringender die Notwendigkeit
stellte, ein größeres Haus zu suchen, in dem alle bequem Platz finden konnten.
In dieser Not
wandten sich die Brüder an Erzbischof Don Pedro, der sich nicht lange bitten
ließ und angesichts der Dringlichkeit der Sache sofort mit allen Kräften half.
Nachdem er sich ein Bild von der Lage gemacht hatte, sann er eilends nach
Abhilfe und überlegte, wo man am besten einen geeigneten Platz mit genügend
Raum für diesen Zweck finden könnte, der für alle bequem, entweder in der Nähe
der Stadt oder etwas außerhalb wegen der frischen Luft, zu erreichen sei. Am
Ende schien ihm kein Platz geeigneter als der, wo jetzt das Krankenhaus steht.
Es handelte sich um ein der Stadt gehörendes Grundstück, das an ein anderes
grenzte, welches sich im Besitz der Hieronymitenmönche
befand und auf dem, wie man sagte, einst das alte Kloster des heiligen
Hieronymus stand.
Der Bischof nahm
also Verhandlungen mit der Stadt und mit den Mönchen auf, damit sie in
Anbetracht der Wichtigkeit dieses gemeinnützigen Werkes jeweils ein Stück ihres
Grundes abträten, auf dem dann mit seiner Hilfe das Krankenhaus errichtet
werden sollte. Was sonst noch notwendig war, sollte mit Spenden der Gläubigen
gedeckt werden, die zu diesem Zweck gesammelt werden sollten. Außerdem sollten
die Mönche einen bestimmten Nachlass zur Verfügung stellen, den ihnen ein
Bischof von Guadix namens Antonio de Guevara y Avellaneda bei seinem Tod
ausdrücklich für die Armen und mildtätige Zwecke in Granada hinterlassen hatte.
Denn da es gegenwärtig kein mildtätigeres Werk gebe, sei der Nachlass hier
bestens verwendet.
Nachdem man sich
solcherweise geeinigt hatte, konnte das Werk begonnen werden. Der Erzbischof
stiftete sofort 1600 Dukaten, Pater Avila, der sich damals in der Stadt
aufhielt, förderte das Werk ebenfalls von der Kanzel und rief alle auf, es
tatkräftig mit Spenden zu unterstützen. Der Einfluss und die Beliebtheit dieses
Mannes beim Volk waren so groß, dass bald alle, wie dereinst bei Moses, eifrig
am Bau und Schmuck des Zeltes Gottes mitwirkten.
Einige spendeten
Geldbeträge, andere stellten Baumaterial und Arbeitskräfte zur Verfügung und
wieder andere schenkten Kleider. Die Frauen opferten ihre Armspangen, Ohrringe,
Ringe und sonstige Schmucksachen mit solcher Begeisterung und Hingabe, dass
binnen kurzem eine stattliche Spendensumme zusammenkam und das Werk rasch
wuchs.
So wurden die drei
jetzt vorhandenen Teile gebaut. Der Erzbischof gab Geld, damit rasch Fenster,
Türen und Trennwände eingesetzt werden konnten, denn die Armen sollten, wie es
auch geschah, baldmöglichst in die neuen Säle, wo sie jetzt noch sind, gebracht
werden,
obwohl das Werk noch nicht vollendet war. Schuld daran war der Satan, der nie
schläft und jede Gelegenheit nutzt, um Streit zu säen. Als dieser sah, wie
prächtig dieses Werk im Dienst des Herrn gedieh, brachte er seine Finger ins
Spiel und ließ mit den gewohnten Mitteln Zwistigkeiten
zwischen den Hieronymiten und den Brüdern entstehen, die bis heute andauern,
ohne dass sie geschlichtet werden konnten. Darauf will ich aber nicht weiter
eingehen, denn solche Dinge dauern sehr lange auf dem Gerichtsweg. Würde man
sie aber mit den Augen Gottes sehen, dann wären sie rasch gelöst. Wie viele
gute Werke kommen doch aus diesem Grund zum Stillstand. Aber überlassen wir das
Gott und sprechen wir wieder vom Orden der Brüder.
XXIII.
Kapitel
DER
ORDEN DER BRÜDER VON JOHANNES VON GOTT
UND DIE
GROSSE FRUCHT,
DIE IHR
WERK ÜBERALL TRUG
Das große Lebensbeispiel, das Johannes von
Gott hinterließ, hatte eine derart große und mitreißende Wirkung auf die
Menschen, dass viele sich gedrängt fühlten, ihn nachzuahmen, und in seine
Fußstapfen treten wollten, um, wie er, unserem Herrn in seinen Armen zu dienen
und ihr Leben als gottgeweihte Männer der Hospitalität zu widmen. Dazu bedarf
es keiner Gelehrsamkeit und keiner Studien. Alles, was notwendig ist, ist, dass
man der Welt und sich selbst entsagt und eine große Nächsten- und Gottesliebe
hat. Aus diesem Grund fühlen sich, heute wie gestern, Personen jeden Alters und
Standes zu diesem Leben berufen. Vielfach handelt es sich um solche, die für
andere Orden nicht in Betracht kommen, weil ihnen die notwendige Bildung fehlt.
Bei ihrer Aufnahme geht man folgenderweise vor:
Bevor man sie ins
Hospital zulässt, prüft man, ob sie von der rechten Absicht geleitet sind,
unserem Herrn zu dienen. Wird diese Absicht festgestellt, nimmt man sie auf,
gibt ihnen ein bescheidenes Gewand in grauer Farbe und setzt sie in einer
gewissen Aufgabe, die ihnen zugewiesen wird, beim Dienst an den Armen ein. Dies
dauert längere Zeit, bei manchen zwei, bei anderen drei, bei wiederum anderen
sogar sechs Jahre, je nachdem wie lange es notwendig erscheint. In dieser Zeit
werden sie auf ihre Demut und Rechtschaffenheit geprüft. Bestehen sie die
Probe, empfangen sie, nachdem sie den älteren Bruder und den Rektor
darum voller Demut gebeten haben, das Ordenskleid. Erst nach weiteren Jahren
der Erprobung werden sie dann zur Profess zugelassen.
All das, ebenso wie
ihre Art zu leben und zu handeln, geht klar aus den Ordenskonstitutionen
hervor, die später aufgeführt und deshalb hier nicht weiter behandelt werden
sollen.
In dem Haus in
Granada halten sich gewöhnlich achtzehn bis zwanzig Brüder auf. Ein Teil von ihnen
versorgt und betreut die Armen in den Krankenabteilungen, während andere sich
um die Haushalts- und Wirtschaftsführung kümmern. Wieder andere gehen durch die
Stadt, um nach einer genauen Aufteilung in den einzelnen Pfarreien um Almosen
zu bitten. Schließlich begeben sich einige aufs Land und in die Dörfer und
bitten um Korn, Gerste, Käse, Öl, getrocknete Trauben und all die anderen
Dinge, die zum Leben notwendig sind.
Die Almosen, die
auf diese Weise zusammenkommen, reichen für die Erhaltung des Krankenhauses,
denn trotz des geringen Einkommens, über das es verfügt, sorgt unser Herr
dafür, dass gewöhnlich 120 Betten belegt und, außer den Brüdern, noch 30
Bedienstete beschäftigt werden können. Ja in besonderen Notzeiten kommt es vor,
dass drei- bis vierhundert Betten aufgestellt werden. Selbst dann werden alle
erhalten und versorgt durch die Vorsehung unseres Herrn, was allgemein berechtigtes Staunen hervorruft.
Dieses Hospital ist
nämlich seit seiner Gründung einem Erbe des gottseligen Johannes treu geblieben,
und zwar dass keinem Armen, der an die Tür klopft, die Aufnahme verweigert
werden darf, dass es keine Begrenzung der Bettenzahl geben darf, kurzum dass
alle, so viele auch kommen mögen, mit offenen Armen aufgenommen werden müssen.
Selbst wenn kein Bett mehr zur Verfügung steht, ziehen die Brüder es deshalb
vor, die Hilfesuchenden auf eine Matte zu legen, bis ein Bett frei wird, und
sie dort zu pflegen und mit den Sakramenten zu versehen, statt sie ohne
Beistand auf der Straße sterben zu lassen.
Alle, die in das
Hospital kommen, um zu dienen, dienen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten, ohne
irgendeine Entlohnung zu empfangen. Und so wird das Haus besser versorgt als
irgendein Haus der Welt, denn alle kommen, um durch die Übung der Nächstenliebe
für ihr Seelenheil zu arbeiten. Hierbei tut jeder sein Möglichstes, ohne dass
er dazu angetrieben werden muss.
Aber die Frucht,
von der wir erzählen, sollte nicht nur hier aufgehen. Denn aus diesem Haus sind
wie aus einer Quelle viele vorbildliche Brüder hervorgegangen, die an vielen
anderen Orten Hospitäler gegründet haben, in denen bis heute viele gute Werke
vollbracht werden, die aus jenem kleinen Samenkorn hervorsprossen, das unser
Herr mit Johannes von Gott zum Beispiel und Vorbild für viele säte.
So hat zum Beispiel
dieses Haus Marin de Dios hervorgebracht, der das Krankenhaus der Brüder in
Cordoba gründete, indem er an der Stelle des ehemaligen Sankt
Lazarus-Krankenhauses,
das ihm vom König übergeben wurde, ein prächtiges Gebäude errichtete, das über viele
Betten und ein gutes Einkommen an Getreide und Geld verfügt. Dieser Bruder
führte ein heiliges Leben, war ein großer Büßer, ging Zeit seines Lebens barfuß
und starb schließlich eines heiligen Todes.
Auch in der Stadt
Lucena in Andalusien, die dem Herzog von Segorbe untersteht, hat ein Bruder
dieses Hauses namens Fruto de San Pedro ein Krankenhaus gegründet, in dem die
Armen aus jener Gegend betreut werden.
In Sevilla gründete
Bruder Petrus der Sünder, der ebenfalls aus diesem Hause stammte, das sogenannte
Bretterhospital, das bis heute diesen Namen trägt, weil es nach seinen
anfänglichen Plänen dazu dienen sollte, während der Nacht Pilgern und
obdachlosen Menschen Zuflucht zu bieten. Zu diesem Zweck wurden Bretter auf den
Boden gelegt, auf denen viele Leute in ihrem Gewand schliefen. Später
errichtete er dann eine Krankenabteilung, in der die Kranken betreut wurden,
die sich unter den Schutzsuchenden befanden. Dieses Krankenhaus wurde in der
Folge an den San Salvador-Platz verlegt, wo es heute noch steht. Es heißt jetzt
Hospital Unserer Lieben Frau vom Frieden und hat 60 Betten, in denen lauter
unheilbare Kranke gepflegt werden. Das Bretterhospital hingegen sollte, wie das
heute noch der Fall ist, nur mehr der Aufnahme von Pilgern während der Nacht dienen.
Auch es wird von den Brüdern des anderen Hospitals betreut, die zwölf an der
Zahl sind und mit großer Disziplin und Frömmigkeit leben. Da wir das
denkwürdige Leben dieses Bruders, der inzwischen verstorben ist, gesondert
behandeln werden, will ich hier nicht weiter darauf eingehen.
Auch in Rom und
Neapel gibt es Hospitäler dieses Ordens. Diese sind folgendermaßen entstanden:
Die Brüder des Hauses von Granada begaben sich zur Zeit Papst Pius V. seligen
Gedenkens nach Rom, um sich in der Sache zu verteidigen, wegen der sie mit den
Hieronymiten in Streit geraten waren. Da es nun nicht ihr Beruf war, Prozesse
zu führen, sondern die Hospitalität zu üben, begann Bruder Sebastiano Arias,
als er sah, dass sie keine Beschäftigung hatten, mit der Errichtung eines
Hospitals in Rom. Dabei begegnete er der Gunst des Heiligen Vaters, der an
seiner Gemeinschaft Gefallen fand, erregte doch die Liebe, mit der die Brüder
die Armen betreuten. allgemeine Bewunderung. Deshalb förderte er sie nach
Kräften und unterstützte wärmstens die Verwirklichung dieses Werkes, so dass in
fünf Monaten sechzig Betten aufgestellt werden konnten. Damit nicht genug,
wollte er sie auch zu einer regulären Ordensgemeinschaft erheben und gewährte
ihnen, damit sie wirkliche Ordensleute seien, eine sehr wohlwollende Bulle, in
der er unter anderem verfügte, dass sie nach der Regel des heiligen Augustinus
leben und ihre Gelübde ablegen sollten. Die Brüder nahmen alles an und
verpflichten sich seitdem bei der Profess zu einem Leben, wie es in der Bulle
festgelegt ist, die ich später im Wortlaut aufführen werde.
Auch unser
allerheiligste Vater Gregor XIII., der heute die Römische Kirche mit
glücklicher Hand leitet, war und ist ihnen sehr wohlgesinnt und hat ihnen als
Protektor den Hochwürdigsten Kardinal Savelli,
seinen Vikar, gegeben, damit er sie in all ihren Belangen verteidige und
schütze, was derselbe denn auch mit großer Liebe und großem Wohlwollen tut.
Auch in anderen
Gegenden Spaniens wurden Hospitäler dieses Ordens errichtet, die hier im einzelnen
aufzuzählen jedoch zu weit führen würde. Nur soviel sei gesagt: Vor wenigen
Tagen ist der Ruf von Johannes von Gott und von dem großen Nutzen, den sein
Orden im Dienst der Hospitalität stiftet, sogar bis Westindien
gedrungen. Es sind nämlich an das hiesige Haus in Granada Briefe aus Peru,
Panama und Nombre de Dios
vonseiten dort gegründeter Krankenhäuser gelangt, deren Verwalter sich in den
Gehorsam und in die Abhängigkeit dieses Hauses begeben und sich seiner Ordnung
und Gemeinschaft unterstellen wollen. Sie bitten eindringlich darum, man möge
ihnen seine Lebensordnung, die Konstitutionen der Brüder sowie die Bulle, die
sie erlangt haben, zusenden, weil sie ihren Orden dort einführen möchten, damit
auch bei ihnen die Armen mit der gebührenden Liebe betreut würden. Der Wunsch
wurde ihnen erfüllt und alles, was sie verlangten, im vergangenen Jahr 1581
zugesandt.
Es scheint mir
jedoch, dass es sehr vernünftig wäre, wenn alle Fürsten der christlichen Welt
die Brüder nach Kräften begünstigen, für ihre Verbreitung sorgen und ihre
Häuser mit Almosen unterstützen würden. Denn es ist zweifelsohne von großem
Segen für die Allgemeinheit und von großem Nutzen für ihre Herrschaftsgebiete,
einen Orden zu haben, der sich mit der gebührenden Liebe und ohne Eigeninteresse
der Armen annimmt und dabei den Gestank und Schmutz erträgt, den dieser Dienst
notwendigerweise mit sich bringt. Um keinen Lohn der Welt ließen sich nämlich
Menschen finden, die bereit wären, eine solche Arbeit so zu verrichten, wie es
sich gebührt; denn sie widerstrebt von Natur aus jedem und es gibt kein anderes
Mittel als die Liebe, um dieses Widerstreben zu überwinden.
Da nun unser Herr
einen Orden zum Leben erweckt hat, der sich mit großer Barmherzigkeit diesem
einen Ziel widmet und es nur um seinetwillen mit der gebührenden Liebe zu
verwirklichen sucht; sind ihm alle zu tiefem Dank verpflichtet. Deshalb sollten
alle, die davon Kenntnis haben und denen am Ruhm dieses Ordens und am
Gemeinwohl liegt, die Brüder nach Kräften fördern und beschützen. Denn
abgesehen von alledem sind die Brüder überaus tugendhafte und vorbildliche
Menschen, aus deren Reihen große Männer hervorgegangen sind, die sich durch ein
heiligmäßiges Leben ausgezeichnet haben.
Um das, wenigstens
teilweise, besser zu veranschaulichen, werde ich hier über das Leben von einem
von ihnen berichten, der nicht mehr in dieser Welt weilt. Obwohl man auch von
anderen erzählen könnte, werde ich es nicht tun, weil die Zeit dazu noch nicht
reif ist. Denn einige von ihnen sind noch am Leben, andere aber, die schon
gestorben sind, erfreuen sich bis heute lebendigster Erinnerung und eines hohen
Bekanntheitsgrades. Aus diesem Grunde schien es mir nicht notwendig, darüber
ausführlicher zu berichten.
XXIV.
Kapitel
DAS
LEBEN PETRUS DES SÜNDERS
Es ist nicht schwer zu erkennen, wie sehr
sich die Klugheit und Weisheit der Kinder Gottes von derjenigen der Kinder
dieser Welt unterscheidet. Während nämlich die einen voller Heuchelei nach
Namen und Titeln streben, die ihrer Meinung nach ehrenvoll und ruhmvoll sind
und in dieser Welt Achtung erwecken, damit aber nur ihre Unzulänglichkeit und
mangelnde Tugend bedecken und anders erscheinen wollen, als sie in Wirklichkeit
sind, geben sich die anderen, die zu Recht all diese Ehren und Titel verdienen
würden, die niedrigsten und entwürdigsten Namen, um so den Schatz, den sie vom
Herrn empfangen haben, zu verbergen und ihm Ehre zu erweisen. Auf diese Weise
verkünden sie seine große Milde, überschüttet er doch, als der schenkende Gott,
gerade solche Menschen mit seiner Gunst und Gnade.
Das ist auch der
Grund, weswegen dieser heilige Mann es für richtig hielt, den Namen „Petrus der
Sünder“ anzunehmen. Denn da er sein ganzes Leben auf ehrliche Selbsterkenntnis
und Gottessuche gründete, wurde ihm durch das Licht der göttlichen Majestät
geschenkt, sich immer tiefer der eigenen Armseligkeit und Unwürdigkeit bewusst
zu werden, je mehr er Gott erkannte. Und für diese hohe Aufgabe glaubte er
keinen vornehmeren und bezeichnenderen Wappenschild wählen zu können als den Namen
„Petrus der Sünder“. Daran erkennt man sofort die Schule, in der er sich
geformt hatte, und dass es sein Anliegen war, sein Leben dem der
ausgezeichneten Männer gleichzugestalten, denen der Herr häufig den
ursprünglichen Namen wechselte, um sie zu solchen zu machen.
Nach den vielen
Hinweisen, die uns über ihn vorliegen, gelang ihm das so gut, dass man mit
vollem Recht ein eigenes Buch über sein Leben schreiben könnte, um seine große
Buße, seine großen Tugenden, seine vollkommene Gottes- und Nächstenliebe sowie
das Eremitenleben, welches er viele Jahre lang auf einem einsamen Berg führte,
zu erzählen.
Die Vorliebe für
die Einsamkeit ist aber auch der Grund, weshalb man wenig von seinem Leben
weiß. Nur unter großen Schwierigkeiten und nur um Gottes willen konnte man ihn
nämlich dazu bewegen, unter anderen Menschen zu leben, wie wir aus dem
folgenden Bericht ersehen werden, in dem im wesentlichen alles zusammengetragen
ist, was wir über ihn in Erfahrung bringen konnten.
Petrus der Sünder stammte aus Andalusien.
Den genauen Geburtsort kennen wir nicht. Wir wissen auch nicht, unter welchen
Umständen seine Bekehrung erfolgte, so dass er mit so glühendem Eifer unserem
Herrn folgte. Wir wissen nur, dass er sich bereits als Heranwachsender, zuerst
in der Stadt Jaen, mit den eigenen Händen den Lebensunterhalt verdiente und
diese Gewohnheit zeitlebens beibehielt ganz wie der heilige Apostel Paulus,
der, wo immer er sich aufhielt, stets von der eigenen Arbeit leben und
niemanden um etwas bitten wollte.
Er trug zwei Eimer
Wasser auf seinen Schultern durch die Straßen und verdiente sich so sein
tägliches Brot. Was von seinem Essen, das äußerst sparsam und gering bemessen
war, übrig blieb, gab er den Armen. Danach zog er sich in seine Unterkunft
zurück und versenkte sich ins Gebet, wovon ihn weder feines Essen noch ein
weiches Bett abhielten, denn dies war die nackte Erde. Wenn er sich unter die
Menschen begab, trug er stets ein raues Gewand, das sich nicht von dem der
anderen unterschied. Viele Jahre ging er barfuß, bis man ihn in vorgerücktem
Alter im Gehorsam dazu brachte, Schuhe zu tragen.
Von Jaen zog er
sich in eine Einsiedelei an einem öden und einsamen Ort in den Bergen von
Malaga zurück, wo er viele Jahre lang ein engelgleiches Leben führte und, wie
bereits gesagt, von seiner Hände Arbeit lebte, indem er Löffel, Körbchen und
andere Gegenstände aus Holz herstellte, die er zu seinem Lebensunterhalt
verkaufte.
Es ist anzunehmen,
dass ihm dort vieles widerfuhr, das es verdienen würde, erzählt zu werden, doch
bedauerlicherweise haben wir keine Kenntnis davon. Denn Petrus der Sünder war
ein äußerst schweigsamer Mensch, der kein Wort verschwendete, es sei denn zur
Ehre Gottes und zum Heil des Nächsten. Trotzdem kann aus den Wirkungen manches
erschlossen werden: Er kam nämlich von dort, entflammt von solcher Gottesliebe,
dass sie - weithin sichtbar für jedermann - aus den Früchten leuchtete, die er
überall stiftete, wenn er in die benachbarten Städte ging. Dies werden wir
gleich genauer sehen.
In der Einsamkeit
wurde er eines Tages von dem Verlangen erfasst, nach Rom zu reisen, um an den
heiligen Stätten der Ewigen Stadt die Reliquien der heiligen Apostel Petrus und
Paulus zu verehren. Bei der Durchführung dieses Vorhabens hatte er sowohl auf
dem Hinweg als auch auf dem Rückweg viel zu leiden unter Hunger, Kälte und
Hitze. Denn er war nur sehr spärlich gegen die Unbilden der Witterung
geschützt, ging barfuß und hatte den Kopf nicht bedeckt. Bei der Ankunft
besuchte er mit großer Andacht und mit Tränen in den Augen die heiligen
Stätten, nach denen er sich so sehr gesehnt hatte, und bedeckte mit zahlreichen
Küssen den vom Blut so vieler Märtyrer durchtränkten Boden.
Wie immer, wenn er
irgendwie dazu Gelegenheit hatte, widmete er sich auch hier dem Wohl und dem
Heil seiner Mitmenschen und sorgte sich darum, die Kreaturen zu ihrem Schöpfer
zu führen. Unter anderem sprach er nun eines Tages mit einem Juden, der ihm
gefiel, da er offensichtlich ein bescheidener junger Mann mit angenehmem
Auftreten und hellem Verstand war. Er sprach deshalb mit ihm von seinem Heil
und von dem Irrweg, auf dem er sich befand, indem er ihm erklärte, dass er
einem Gesetz folgte, das mit dem Kommen des Messias seine Gültigkeit verloren
hatte, und dass derjenige, den Gott durch die Propheten verheißen hatte,
wahrhaft gekommen sei, auch wenn sie in ihrer Blindheit noch immer auf ihn
warteten. Und er verstand es so gut mit ihm zu sprechen, dass er mit der Hilfe
Gottes und dessen Licht den jungen Juden bekehrte und zum Bekenntnis der
Wahrheit brachte. Als der junge Mann darauf um die Taufe bat, wurde sie ihm mit
großer Feierlichkeit in Rom gespendet. Um ihn künftig vor der Gefahr zu
schützen, dass er sich mit den anderen Juden, die dort lebten, treffen und
unterhalten könnte und so durch sie vom Glauben abtrünnig gemacht werden würde,
überredete er ihn, mit ihm nach Spanien zu gehen. Der junge Mann nahm den
Vorschlag an und so kehrte Petrus der Sünder mit ihm nach Spanien zurück.
Nach der Rückkehr
aus Rom begab er sich geradewegs nach Sevilla, wo er - mit dem inzwischen
erworbenen, vorzüglichen geistlichen Rüstzeug - nahezu nackt, barfuß und einen
Strick um den Leib durch die Straßen der Stadt zog, indem er öffentlich Buße
tat und alle aufforderte, dasselbe zu tun. Seine Worte waren so eindringlich
und so lebendig, dass er die Herzen aller, die ihn hörten, damit durchdrang,
und allen deutlich wurde, dass diese Worte vom Feuer des Heiligen Geistes
erfüllt waren, so mächtig war ihre Wirkung. Denn viele verließen, gedrängt von
seinen Worten, die Welt und folgten Christus auf verschiedenen Wegen. Einige
traten in einen Orden ein, andere folgten seinem Beispiel, wie wir gleich sehen
werden. Seine Art zu sprechen war so, als spreche nicht er, sondern als bewege
ein anderer seine Zunge. Denn er schritt so in sich gekehrt und allem entrückt
vor sich hin, dass es den Anschein hatte, als ob er bei seinem Gang über die
Plätze niemanden höre und sehe und wie allein in den Bergen dahinwandle.
Er sprach wenig.
Die wenigen Worte aber, die er sprach, waren so lebendig, dass sie bis heute
selbst der gottvergessenste Mensch nicht vergessen hat und sich voller
Bewunderung an sie erinnert.
Mit dieser Haltung
und mit diesem Auftreten zog er durch das ganze Gebiet von Sevilla. Dort
gründete er mit den Brüdern, die sich ihm angeschlossen hatten, wie wir bereits
berichtet haben, das Bretterhospital und widmete sich längere Zeit der Sorge
und Pflege der Armen. Zu diesem Zweck ging er durch die Straßen, aber anstatt
zu betteln, verkündete er die Wahrheiten des Glaubens und erhielt, ohne darum
zu bitten, von allen etwas für seine Armen. Damit nicht der Eindruck entstand,
es liege ihm nur die tätige Sorge um die anderen am Herzen und er habe darüber
sein eigenes Seelenheil, das frühere Leben in den Bergen und das Gebet
vergessen, versammelte er von Zeit zu Zeit die Brüder um sich und hielt ihnen
eine Ansprache. Dabei erklärte er ihnen, wie wichtig es sei, das Gebet zu
pflegen, um die Fundamente der Tugenden zu festigen und dann wieder mit neuer
Kraft zum Dienst an den Brüdern zurückzukehren, was freilich im hektischen
Treiben von Sevilla nicht leicht war.
Deshalb ließ er
einen Bruder im Hospital und begab sich mit den anderen in die Ronda-Berge.
Dort suchte er den rauesten Ort und zog sich in eine Grotte zurück, wo er viele
Tage im Gebet und in der Betrachtung verbrachte. Als Meister, der sich viele
Jahre darin geübt hatte, unterwies er seine Brüder kundig in diesem Weg. In
gleicher Weise lehrte er sie, mit ihren Händen zu arbeiten, um den Müßiggang zu
meiden und sich den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen.
Von hier aus kehrte
er nach einigen Tagen, manchmal aber auch erst nach einem Jahr oder sogar noch
längerer Zeit, in die Stadt zurück. Und so führte er bald das eine, bald das
andere Leben und formte seine Brüder zu großer Tugend, einem vorbildlichen
Leben, zu Heiligkeit und strenger Buße. Um sie dahin zu führen, reichte sein
bloßes Beispiel, waren seine Strenge zu sich selbst und seine große
Enthaltsamkeit doch eine ständige lebendige Mahnung.
Durch das viele
Barfußgehen, bei dem er immer wieder an spitze Steine stieß, entstanden so
große Wunden an seinen Füßen, dass er in Ermangelung eines anderen Mittels mit
einer Ahle die harten Schwielen aufstach und dann die Risse mit einem
Schusterzwirn zunähte.
Eines Tages befand
er sich mit einem einzigen Gefährten, der noch lebt, in den Bergen. Sie waren
Holz sammeln gegangen, um Löffel und Keile herzustellen. Als sie nun
heimgingen, ohne gegessen zu haben, sprachen sie unterwegs davon, dass sie in
der Grotte nichts zum Essen vorfinden würden, wiewohl sie völlig ausgehungert
waren. Bei der Ankunft sah Petrus auf einer Steinbank ein großes Stück weißes
Brot und daneben ein Gefäß voller Öl. Da wandte er sich an seinen Gefährten und
sagte zu ihm mit Tränen in den Augen: „Sieh her, Bruder, wie der gütigste Herr
für uns gesorgt hat, obwohl wir es nicht verdienen.“ Da warfen sich beide auf
die Knie und dankten Gott inständig dafür, dass er ihre Seele mit diesem
Geschenk im Glauben und ihren Leib mit der notwendigen Speise gestärkt hatte.
XXV.
Kapitel
PETRUS
DER SÜNDER KOMMT IN DAS HOSPITAL
VON
JOHANNES VON GOTT UND STIRBT
Obwohl Petrus der
Sünder immer wieder das Verlangen verspürte, Jesus Christus in seinen Armen zu
dienen, war es doch sein Herzenswunsch und seine größte Freude, in Einsamkeit
und Zurückgezogenheit zu leben. Deshalb kehrte er, wenn er sich eine Zeit lang
im Hospital aufgehalten hatte, immer wieder in die Berge zurück.
Da er nun das
Gefühl hatte, dass er in Sevilla zu einer bekannten Persönlichkeit geworden sei
und dass man ihm, wenn man ihm begegnete, mehr Ehre erwies, als seine große
Demut und Weltverachtung ertragen konnten, beschloss er, nicht mehr dorthin zu
gehen. Er vertraute deswegen das Hospital einem Bruder namens „Petrus der
Sünder der Kleine“ an, der als ein Mann von großer Tugend und Heiligkeit, aber
auch von großer Begabung galt und sich in Sevilla beim Volk großer
Hochschätzung und Beliebtheit erfreute. Er selbst aber begab sich nach Granada
in das Hospital von Johannes von Gott, und tat dort, was man ihm befahl. Wie vormals
in Sevilla, zog er auch hier - barfuß und barhaupt, mit ungeschorenem Haar,
gekleidet in ein einfaches, sackähnliches Gewand aus grobem Tuch, das ihm bis
an die Füße reichte - durch die Straßen und hielt die gewohnten Ermahnungen,.
In der Hand hielt er ein Kreuz, so dass schon sein bloßer Anblick alle
aufrüttelte und zum Nachdenken bewegte. Und auch hier bewirkten seine Worte
dieselbe Frucht, die er überall, wo er gewesen war, gestiftet hatte.
Von Zeit zu Zeit
ging er, wie es seine Gewohnheit war, ins Gebirge, bis einige bekannte Personen
ihm zuredeten und davon überzeugten, seinen Aufenthalt ganz im Hospital von
Johannes von Gott zu nehmen und dessen Ordenskleid anzunehmen. Dies rieten sie
ihm auf einer Seite wegen seines vorgerückten Alters, denn er war inzwischen
beinahe 70 Jahre alt und war der Härte des Lebens in den Bergen nicht mehr
gewachsen. Auf der anderen Seite mahnten sie ihn, an den großen Nutzen zu
denken, den er für alle in der Stadt, sowohl Arme als auch Reiche, bedeutete.
Da er seit langem
seinem eigenen Willen abgeschworen hatte, gehorchte er. Es schien ihm nämlich,
dass es keine schlechte Krönung seines Einsiedlerlebens, das er bis zur Stunde
geführt hatte, sei, wenn er vor seinem Tod noch die Profess ablegen und ewigen
Gehorsam geloben würde. Also ging er hin, nahm das Ordenskleid und legte nach
einigen Tagen die Gelübde ab. Für das Haus war sein frommes Leben, sein
Beispiel und das, was er für die Armen sammelte, ein großer Segen. Er widmete
sich weiterhin seinen gewohnten Übungen und sorgte dafür, dass in allem Gott
immer mehr verherrlicht wurde.
Zu diesem Zweck
versammelte er draußen das arbeitsscheue und verwilderte Volk um sich und hielt
ihm so eindringliche und tiefsinnige Reden, dass daraus selbst hochgebildete
Menschen mit vielen Jahren Studium hätten lernen können. Außerdem hatte er die
Angewohnheit, jeden Tag frühmorgens auf die Plätze zu gehen, wo sich die
Landarbeiter einfanden, um Arbeit zu suchen. Dort stieg er auf einen Tisch,
kniete sich nieder und las ihnen voller Andacht die ganze Christenlehre vor,
wusste er doch, dass viele von denen, die sich dort versammelten, sie nicht
kannten. Deshalb dachte er, dass sie sie lernen würden, wenn sie sie regelmäßig
hörten und sie dann, wie er es tat, danach abgefragt würden.
Gewöhnlich trug er
auf den Plätzen eine liebevoll geschmückte Statue des Jesuskindes in der Hand.
Es hatte etwas Geheimnisvolles an sich zu sehen, mit welch großer Ehrfurcht und
Inbrunst er diese Statue trug, denn er wandte nie - nicht einmal für einen
Augenblick - seine Augen von ihr ab, so müde er auch sein oder so lange er sie
auch getragen haben mochte. Und obwohl sie ziemlich groß und schwer war, wurde
er nicht müde, sie den ganzen Tag in derselben Hand zu halten, ohne je mit der
anderen abzuwechseln, und das, obwohl er doch schon so alt war, was natürlich
bei allen, die ihn sahen, große Verwunderung hervorrief.
Jeden Freitag trug
er ein großes Kreuz, auf das der gekreuzigte Jesus gemalt war, den er besonders
verehrte und lobpreiste. Schon als er noch auf dem Berge weilte, hatte er ein
großes Kreuz vor dem Eingang der Grotte errichtet, vor dem er jedes Mal, wenn
er in sie zurückkehrte, andachtsvoll niederkniete und mit dem er – ganz wie der
heilige Andreas, als er gekreuzigt wurde - sich gerne voller Liebe, Herzlichkeit
und Freude unterhielt.
Wenn er sich im
Krankenhaus aufhielt, stand er immer um Mitternacht auf, begab sich in die
Kirche, kniete sich nieder und verweilte dort bis zum Morgen in Anbetung und
Gesang vor dem Allerheiligsten Sakrament. Mit großer Frömmigkeit und in
heiliger Einfalt sprach er: „Wer wird mich trennen vom Gekreuzigten? Weder der
Satan noch irgend etwas in der Schöpfung.“ Dann besang er wieder den Herrn und
seine große Liebe, stand auf und tanzte dazu, kehrte wieder zum Gebet zurück,
und verbrachte so ganze Nächte im Bann der süßen Melodie seiner Seele.
Dasselbe tat er an
einigen Hauptfesten und an den Tagen einiger Heiliger. Bei solchen
Gelegenheiten ging er frühmorgens in die betreffende Festkirche, um vor dem
Altar zu tanzen und einige Lieder auf das Fest zu singen. Dann kniete er
nieder, um zu beten, und begann dann wieder mit solcher Hingebung zu tanzen,
dass er die Herzen aller ergriff, die das Glück hatten, ihn zu sehen. Denn, wie
bereits erwähnt, tat er dies alles mit einer solch seligen Insichgekehrtheit, -
ohne im geringsten auf jemanden zu achten -, als ob er allein auf der Welt wäre
und nicht unter den Menschen. Doch das wundert mich nicht, hatte der ständige
Umgang mit Gott in ihm doch eine so große Ehrfurcht und Liebe wachsen lassen,
dass er immer nur - einzig und allein auf seinen Dienst bedacht und hingeordnet
- in seiner Gegenwart wandeln wollte, und so das Gefühl verloren hatte, unter
den Menschen zu weilen. Und so achtete er auf sie nicht mehr als auf leblose
Steine, von denen er sich in keiner Weise am Umgang mit Gott hindern lassen
wollte.
Gleicherweise
handelte und betete er in der Öffentlichkeit so, als ob er sich in seiner Zelle
befände. Diese Besonderheit rief natürlich allgemeine Beachtung und
Betroffenheit hervor. Diejenigen, die diesen Zustand richtig zu deuten wussten,
staunten darüber und lobten und priesen den Herrn, dass er ihm eine solche
Gnade und ein so zeichenhaftes Leben geschenkt hatte.
Er war auch ein
großer Verehrer des Allerheiligsten Sakramentes und der Mutter Gottes. Wenn er
sich am Fronleichnamstag in Granada aufhielt, schmückte er Gewand und Haupt und
schritt bei der Prozession, in einem fort tanzend und singend, vor unserem
Herrn her, ohne dabei, trotz seines hohen Alters, im geringsten müde zu werden.
Und obwohl er eigentlich gar nicht tanzen konnte, bewegte er sich doch mit
solcher Anmut und Hingabe, dass die Leute auf alle sonstigen festlichen
Darbietungen verzichteten, nur um Petrus dem Sünder beim Tanzen zuzuschauen. Ja
es gab sogar geistliche Personen, die sagten, sie gingen hin, um beim Anblick
des tanzenden Petrus Tränen göttlicher Ergriffenheit zu weinen. Denn er tanzte
mit solcher Begeisterung vor unserem Herrn und seiner Unbefleckten Mutter und
sprach dabei so ergreifende Worte, dass alle zutiefst zu Tränen gerührt waren.
Als nun die Zeit
gekommen war, da der Herr seinem Diener die ewige Ruhe und den gerechten Lohn
für seine Dienste und Mühsale gewähren wollte, wurde Petrus dem Sünder
befohlen, sich nach Madrid zu begeben und dort mit dem König über gewisse
Dinge, die das Haus betrafen, zu verhandeln. So sollte sich der Rat erfüllen,
den ihm jene Personen gegeben hatten, nämlich dass es gut sei, wenn er seine
Tage im Gehorsam beende.
Er gehorchte, ohne
ein Wort zu sagen, obwohl ihm der Auftrag ganz gewiss nicht behagte; denn
einerseits war er alt und gebrechlich – ist das Alter doch schon allein eine
Krankheit -, andererseits waren ihm der Rummel und der Hof von Grund auf
zuwider. Trotzdem beugte er sein Haupt und machte sich zusammen mit einem Esel,
den ihn der ältere Bruder mit sich nehmen ließ, auf den Weg. Aber soweit man
erfuhr, setzte er sich nur selten auf das Tier. Denn er war so etwas nicht
gewohnt, war er doch sein ganzes Leben lang zu Fuß gegangen. Auch was das Essen
anbelangte, begnügte er sich auf der ganzen Reise mit dem unbedingt
Notwendigen.
Als er in Madrid
ankam, ging er zwar in das Hospital zu seinen Mitbrüdern, wollte dort aber als
auswärtiger Gast nicht im Refektorium mit den Brüdern essen, sondern zog es
vor, in einem Winkel ein Stück hartes Brot zu verzehren, das er in einem Korb
mit sich trug. Das genügte ihm. Er begann nun, die ihm aufgetragenen Geschäfte
zu erledigen, als er plötzlich von einem heftigen Fieber befallen wurde, das
einige Tage dauerte und ihn so sehr entkräftete, dass er schnell erkannte, dass
dies wohl seine letzte Krankheit sein sollte. Also verließ er den Hof und begab
sich nach Mondejar, einen in der Nähe gelegenen Ort.
Dort hielten sich
zu jener Zeit gerade der Graf und die Gräfin von Tendilla auf, die jetzt
Marquis von Mondejar sind. Diese haben sich, ebenso wie ihre Eltern und
Großeltern, stets als äußerst fromme Christen hervorgetan und seit jeher eine
große Vorliebe für dieses Haus von Johannes von Gott bewiesen. Sie überhäuften
und überhäufen es immer noch reichlich mit Almosen.
Da sie lange Zeit Generalkapitäne des hiesigen Hoheitsgebietes von Granada
waren und gegenwärtig Gouverneure der sich hier befindlichen, berühmten Festung
der Alhambra sind und deswegen immer hier gelebt haben, kannten sie Petrus den Sünder sehr gut.
Dieser zog sich deshalb zu ihnen zurück, um in ihrem Haus zu sterben. Als er
das Haus betrat, stellte er sich den Marquis, die sich sehr freuten, ihn zu
sehen, mit den Worten vor: „Ich komme, um zu sterben.“ Als sich die Krankheit
verschlimmerte, ließen sie ihn in ein gutes Bett legen und sorgten - als ob es
sich um einen ihrer eigenen Leuten handelte - liebevoll dafür, dass er alles
bekam, was er brauchte.
Statt nun laut zu
klagen, wie es andere Kranke tun, begann Petrus mit noch größerer Innigkeit und
Hingabe als bisher Lob- und Liebeslieder auf Gott zu singen – ganz wie ein
Schwan, der beim Sterben noch schöner singt. Denn er sah bereits greifbar vor
sich seine Wünsche in Erfüllung gehen und den Tag herannahen, an dem er seinen
geliebten Jesus sehen würde.
Nachdem er unter
vielen Tränen der Dankbarkeit die Sterbesakramente empfangen hatte, blieb er
die Nacht, in der er starb, mit dem Marquis und seiner Gemahlin allein. Denn
diese wollten die kurze Zeit, die noch blieb, um keinen Preis seine wohltuende,
engelgleiche Nähe und seine heiligen Worte missen. Er begann nun zu Gott zu
singen und sich wie im Tanz zu bewegen. Dazu schnalzte er, wie es seine
Gewohnheit war, mit den Fingern und rief dann mehrmals aus: „Pflückt diese
Blumen, pflückt diese Blumen!“, wie jemand, der schon die Blumen sieht, welche
nach den Worten der Braut im Hohen Lied auf unserer Erde erblüht sind und bald
Früchte bringen werden, die zum Genuss in der ewigen Seligkeit bestimmt sind.
Und mit diesen Worten gab er seine Seele dem Schöpfer zurück.
Sein Leben durch
einen solchen Tod besiegelt zu sehen, erfüllte alle mit großem Trost und großer
Zuversicht. Und alle dankten dem Herrn aus ganzem Herzen für diese wunderbare
Erfahrung.
Kaum war die Nachricht
von seinem Tod bekannt geworden, strömten viele Menschen herbei, um ihn zu
sehen und als einem Heiligen und Mann Gottes Ehre zu erweisen. Auch die Marquis
verehrten ihn als einen Heiligen und ließen für ihn ein festliches Begräbnis
mit allen Ehren vorbereiten. Nachdem man ihn einige Tage für die gesamte
Öffentlichkeit in der Kirche aufgebahrt hatte, ordnete der Marquis an, man
solle einen mit schwarzem Leder gefütterten Holzsarg anfertigen und den Leib
dort hineinlegen.
Da der Marquis
diesem Haus und den Brüdern in großer Liebe zugetan ist, wollte er ihnen den
Leib dieses heiligen Mannes nicht vorenthalten und befahl deswegen seinen
Dienern, ihn auf einer Mauleselin, die zu diesem Zweck gebührend geschmückt
wurde, in dieses Haus zu bringen. Und so brachten sie ihn nach Granada. Obwohl
es nun sehr heiß war und sie eine Strecke von 70 Meilen
zurückzulegen hatten, kam der Leib, ohne den geringsten Geruch und unversehrt
wie in der Todesstunde, an, obwohl er schon vierzehn Tage tot war. Er traf um
Mitternacht ein. Der ältere Bruder berichtete, dass er in der Nacht, in der man
den Leichnam ins Hospital brachte, noch wach in seiner Zelle war. Bevor sie nun
an der Pforte klopften, vernahm er einen heftigen Schlag an der Zimmerdecke,
dass er glaubte, seine Wohnung und sein Zimmer würden einstürzen. Als er
daraufhin die Zelle verließ, um nachzusehen, was geschehen sei, hörte er
nichts. Alles schlief ruhig.
Plötzlich hörte er
ein ungestümes Klopfen an der Pforte. Er schickte sofort jemanden hinaus, um
nachzusehen, was los sei, und bekam die Mitteilung, dass der Leichnam Petrus
des Sünders eingetroffen sei. Nun wurde ihm klar, dass der Schlag, den er
vernommen hatte, eine Vorankündigung des wichtigen Ereignisses gewesen war, das
seinem Haus bevorstand. Darauf stand das ganze Haus auf und ging dem Leichnam
mit weißen Kerzen entgegen. Nachdem sie ihn solcherart empfangen hatten, legten
sie ihn unter großer Freudenbekundung in die Kirche.
Als sie ihm nun ein
Begräbnis bereiten wollten, wie es ein solcher Mensch verdient, da gestattete
es der Erzbischof aus Gründen, die er für angemessen hielt, nicht, sondern
befahl die sofortige Beisetzung. Freilich konnte dies nicht so geheim
geschehen, so dass zum Schluss doch viele Menschen herbeiströmten und ihm mit
großer Andacht die letzte Ehre erwiesen. Als diese sahen, dass er so viele Tage
nach seinem Hinscheiden immer noch unversehrt war, priesen sie unseren Herrn,
der groß ist in seinen Heiligen und lebt in Ewigkeit. Amen.